Was ist ein guter Trainer?


Christian Gross, so heisst es immer wieder, sei als Trainer ein Auslaufmodell. Seit er nach zehn Jahren beim FC Basel im Sommer 2009 aufhören musste, ist er nirgendwo mehr so richtig auf Touren gekommen. Wenn er auf das Kandidatenkarussell als Nachfolger von Ottmar Hitzfeld als Schweizer Nationaltrainer steigt, dann wird er schon mal vorsorglich aus der engeren Auswahl geschubst. So richtig warm will offenbar niemand mehr mit ihm werden. Ein Auslaufmodell also, einer, der stets komplett aus der Öffentlichkeit abtaucht, wenn er keinen Job hat und so nicht nur als Typ sondern auch als Typus entschwindet?

Irgendwie lebt Christian Gross als Trainer trotzdem weiter. Murat Yakin hat lange unter ihm gespielt, viele sagen, unter ihm lief es ihm jeweils am besten. Freunde fürs Leben waren die beiden gewiss nicht – aber dennoch hat die Art, eine Mannschaft zu führen, den ehemaligen Abwehrchef geprägt. Das hört man noch heute in vielen Nuancen seiner Rhetorik, man spürt es in seinen Idealen und in gewissen Teilen der Persönlichkeit. Die Distanz, die Yakin zu seinen Spielern pflegt, kennt er aus seinen eigenen Erfahrungen mit Gross. Die Nüchternheit, sich auf Resultate zu konzentrieren, dem Erfolg vieles, wenn nicht alles, unterzuordnen, sie entstammt durchaus den Charakterzügen von Christian Gross. Auch Uli Forte, erfolgreicher Coach bei GC in der vergangenen Saison und nun auch mit YB auf dem Weg zur Besserung, ist ebenfalls vom erfolgreichsten Clubtrainer der jüngeren Schweizer Fussballgeschichte geprägt. Und wenn man Urs Meier vom FC Zürich so zuhört, zackig, immer etwas misstrauisch, dann erkannt man auch in ihm Züge des Höngger Polizistensohnes.

Ist also ein guter Trainer, wer ein erfolgreicher Trainer ist? So einfach ist das heute nicht mehr. „Hauptsache gewonnen“, war über Jahre das Leitmotiv des FC Bayern München, auch der deutschen Nationalmannschaft. Wie oft durfte man in der Nachspielzeit die Hände verwerfen, wenn die Bayern und die Deutschen in letzter Sekunde noch völlig unverdient zum Sieg oder zumindest zum Remis gekommen sind? Die Zeiten sind vorbei. Heute soll man nicht nur erfolgreich, sondern auch unterhaltsam spielen. Das Publikum gibt sich nicht mehr mit einem mühsam erwürgten 2:1-Sieg gegen den Tabellenvorletzten zufrieden, es sollen Tore fallen, Tricks vorgeführt, herrliche Kombinationen zelebriert werden.

Der Unterhaltungswert sei auch schon höher gewesen im St. Jakob-Park, haben die Beobachter der lokalen Medien in ihren Vorrundenbilanzen festgestellt. Neun Unentschieden, mancher unspektakuläre Sieg – das ist nach Interpretation des Basler Fussballselbstverständnisses zu wenig. Die Spieler, eben der Wohlfühloase unter Thorsten Fink und Heiko Vogel entstiegen, fühlen sich eingeengt, dürfen nicht einfach mehr nur drauflos stürmen, sondern müssen sich doch tatsächlich auch um die Defensive kümmern und taktisch flexibel sein. 1:0 statt 5:4 – das gefällt dem Trainer besser, dem Spieler etwas weniger und dem Publikum noch viel weniger. Zu viel Spektakel wird mit Bankdrücken bestraft, die Degen-Zwillinge singen davon laute Lieder, wenns seins muss auch (halb-)öffentlich. Aber was genau ist eigentlich unter Murat Yakin passiert? Schweizer Meister, Cupfinal, Europa League-Halbfinal, Champions-League-Qualifikation, europäisches Überwintern mit Aussichten auf einen Achtelfinal in der Europa League, Halbzeitleader in der Super League, Cup-Viertelfinalist. Es ist das, was man Erfolg nennen kann.

Reicht das, um den Vertrag des Trainers Vertrag sein zu lassen? Dort seien Leistungsziele vereinbart worden, über die öffentlich spekuliert wird, denn was, als das, was Murat Yakin bislang erreicht hat, könnte dort sonst noch vereinbart worden sein, um seinen im nächsten Sommer auslaufenden Vertrag automatisch um eine weitere Spielzeit weiterlaufen zu lassen. Es mag ein wenig seltsam klingen, aber es geht dort offenbar einzig um den Meistertitel 2014. Nicht um europäische Ziele und auch nicht um die Attraktivität des Fussballs, den der Trainer spielen lässt und für die (so dachten wir bis jetzt jedenfalls immer) auch die individuelle Klasse und die Eigenkreativität der Spieler mitverantwortlich ist. Weil man nun aber schlecht warten kann bis zur Entscheidung im Meisterrennen Ende Mai 2014, um zu wissen, wer denn nun im Juni 2014 der Trainer bei 1893 sein wird, setzt man sich jetzt schon einmal zusammen. Es wird dort darum gehen, ob alles, was in den letzten Wochen so künstlich irritiert schien, wieder in Ordnung gebracht werden kann. Und es wird um die Frage gehen, was ein guter Trainer denn ist?

Erfolgreich müsste er eigentlich nicht unbedingt sein. Oder kann sich jemand vorstellen, dass Christian Streich vom SC Freiburg in der Winterpause wegen der bedrohlichen Platzierung entlassen wird? Eine klare Linie müsste er eigentlich nicht unbedingt haben. Oder ist Pep Guardiola beim FC Bayern München auf der Suche nach dem richtigen Personal für die richtigen Positionen tatsächlich schon fündig geworden? Viel Nähe zu den Spielern muss auch nicht zwingend sein. Oder glaubt jemand, dass Arsène Wenger beim FC Arsenal seinen Spielern jeden Tag seine Gedankenwelt öffnet? Vielleicht ist es sehr viel einfacher, als wir alle denken. Ein guter Trainer ist einer, der nicht so schnell die Ruhe und die Übersicht verliert und mit Gelassenheit durchs Leben geht, auch wenn um ihn herum ziemlich viel Aufregung gemacht wird. So gesehen ist Murat Yakin ein guter Trainer.

 

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