Warum Vogel gehen musste


Die Meldung erreichte uns am Montagnachmittag in Sarnen, wo sich die U21 am See auf das Playoff-Rückspiel um die EM-Teilnahme gegen Deutschland vorbereitete. Heiko Vogel muss gehen, Murat Yakin übernimmt den FC Basel als Trainer per sofort. Grosse Augen links und rechts, Überraschung total. Aber war es wirklich ein Wechsel ohne Ansage? Nein, denn es gab genügend Anzeichen für Unzufriedenheit in den letzten Wochen – streiten kann man gegebenenfalls noch über den Zeitpunkt, gerade auch deshalb, weil es sich für gewöhnlich nicht gehört, der Nationalmannschaft am Tag vor einem wichtigen Spiel die Schlagzeilen zu rauben… Warum also ist die Zeit von Heiko Vogel in Basel so schnell abgelaufen? Der Versuch eines Argumentariums:

Das Potenzial des aktuellen Teams

Der FC Basel musste im Sommer drei gewichtige Schlüsselspieler ersetzen: Xherdan Shaqiri, Granit Xhaka und David Abraham verliessen den Club. Solche Spieler kann man auf dem Papier gleichwertig ersetzen: Gaston Sauro, Marcelo Diaz und Mohamed Salah hiessen die Neuzugänge. Aber sie alle sind neu in der Liga, neu im Land, sogar neu auf dem Kontinent. Sie brauchen Integrationszeit, nicht nur fussballerische, auch soziale. Heiko Vogel war Mitglied der Technischen Kommission des FC Basel, die über solche Transfer entscheidet. Nun aber liess er die Clubleitung wissen, dass er das Potenzial des aktuellen Kaders weniger hoch einstuft als diese selbst. Die Abwehr war zuletzt weniger stabil, selbst Torhüter Yann Sommer verlor ein Stück Sicherheit hinter den neuformierten Viererkette. Und Marcelo Diaz, der Chilene, ist auch nach drei Monaten noch nicht wirklich in Basel angekommen. Vogel verunsicherte den Spieler zuletzt zusätzlich mit Verbannungen auf die Bank oder sogar auf die Tribüne. Er hat 4,5 Millionen Franken gekostet. Ein solcher Spieler muss über kurz oder lang der Mannschaft helfen können und gehört nicht aufs Abstellgleis.

Die Entwicklung junger Spieler

Präsident Bernhard Heusler weiss selbst, dass es einem Club wie dem FC Basel nicht gelingen kann, jeden Sommer zwei Spieler mit den Qualitäten eines Xherdan Shaqiri und Granit Xhaka in die erste Mannschaft zu integrieren und sie später für viel Geld in die Bundesliga zu verkaufen. Doch er weiss auch um die Notwendigkeit von Transfereinnahmen für das Budget, das nicht mehr von Gigi Oeri ausgeglichen werden kann und sich auch nicht auf fest kalkulierte Einnahmen aus der Champions League stützen darf. Die jungen Spieler, die in den letzten Monaten den Schritt in die erste Mannschaft gemacht haben, stehen still: Spieler wie Darko Jevtic, Arlind Ajeti, Simon Grether, Stepjan Vuleta, auch perspektivisch zugezogene Talente wie Fabian Schär und Kwang Ryong Pak erhielten kaum Einsatzzeit oder wurden gar in die U21 zurückversetzt. Vogel fehlte der Mut, einen jungen Spieler ins kalte Wasser zu schicken, so wie es Thorsten Fink einst mit Xherdan Shaqiri oder Granit Xhaka getan hatte. Auch sie standen einmal am Punkt, an dem nicht klar war, ob sie es packen würden. Aber wenn man es nicht „live“ versucht, wird man es nie herausfinden.

Die Spielanlage

Es gibt kaum ein Spiel in der Saison 2012/2013, in dem der FC Basel sein Galakleid anzog und restlos überzeugte. Auf nationaler Ebene kam er nicht auf Touren, selbst gegen bescheidene Gegner wie Servette und Lausanne tat man sich schwer und liess gar Punkte liegen. Der Unterhaltungswert des Teams ist klar gesunken, man wirkte in vielen Phasen ideen- und leidenschaftslos. Die Individualisten, die eine weniger mitreissende Darbietung mit einer Einzelaktion retten konnten, sind nicht mehr da oder waren teilweise verletzt. In der Summe stimmte das Produkt nicht mehr. Ein Verein mit den Ansprüchen und den wirtschaftlichen Möglichkeiten des FC Basel wird sich nicht damit begnügen wollen, in der Liga gut mitzuhalten. Verlangt wird nicht unbedingt Dominanz, aber immerhin soll erkennbar sein, dass diese Mannschaft über bessere Möglichkeiten verfügt als andere. Sie soll offensiv spielen und die regelmässig 28 000 Zuschauer im Stadion unterhalten. An die Entwicklung dorthin zurück glaubte die Clubleitung nicht mehr.

Die Dünnhäutigkeit

Heiko Vogel hat von Thorsten Fink im Oktober 2011 eine funktionierende, solidarische Mannschaft übernommen, an deren Entwicklung er selbst auch hohe Verdienste hatte. Doch er ist in diesem Sommer an der Aufgabe gescheitert, ein neues Team aufzubauen. Er fand den Draht zu einigen der neuen Spieler nicht und klammerte sich zu sehr an Spieler, an die er glaubte, die aber das Ganze nicht voranbrachten. Einer wie Cabral hat unter ihm sicherlich gute Fortschritte erzielt, aber wir sprechen hier von einem Spieler, der vor zwei Jahren den Ansprüchen nicht mehr genügt hatte und nach Spanien ausgeliehen worden ist. Mit den schlechten Resultaten war es auch vorbei mit den munteren und kecken Sprüchen Heiko Vogels. Stattdessen reagierte er auf Kritik dünnhäutig und schnippisch. Nicht selten kanzelte er einen Interviewer verbal ab, statt sich mit der Kritik sachlich auseinanderzusetzen. Offenbar galt dieses Verhalten auch intern. Er war für Vorschläge der Clubleitung zur Verbesserung der Situation nicht empfänglich genug – und so wurden die anfänglichen Meinungsverschiedenheiten zu Differenzen und schliesslich zu „elementar unterschiedlichen Auffassungen“. Der Zeitpunkt der Entlassung lässt sich auch dadurch erklären, dass es wenig Sinn macht, einem Trainer, dem man den „Turnaround“ nicht mehr wirklich zutraut, einfach noch einige Wochen oder Monate weiterarbeiten zu lassen. Es ist ein Zeichen von Führungsstärke, hier proaktiv einzuwirken. Die Clubleitung lag mit ihren Personalentscheidungen auf der Trainerposition zuletzt immer richtig. Sie hatte den Mut, die erfolgreiche Ära Gross abzubrechen und Thorsten Fink die Chance zur Entfaltung zu geben. Sie hatte den Mut, Heiko Vogel in einer schwierigen Situation seinen ersten Cheftrainerposten zu überlassen. Und sie hatte jetzt den Mut, die Perspektiven neu einzuschätzen und zum Schluss zu kommen, dass einer wie Murat Yakin, der ein feines Gespür für die Bedürfnisse von Fussballern und ihren Teams hat, diesen Weg eher beschreiten kann.

 

 

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