The Wall


Roger Waters zelebriert heute Abend im Zürcher Letzigrundstadion seine Musikmesse „The Wall“. 1979 erlangte das Werk Weltruhm, Waters ist heute 70 Jahre alt – und die Wand steht noch immer. „The Wall“, so könnte man auch den Defensivverbund der Schweizer Fussball-Nationalmannschaft betiteln. In sechs von acht WM-Qualifikationsspielen blieben die Schweizer ohne Gegentreffer, auch gestern, beim so wichtigen 2:0-Auswärtssieg in Norwegen. Im Jahr 2012 waren die Schweizer, so hat man aufgrund der Ergebnisse in allen Wettbewerbsspielen erfasst, jenes Team, das insgesamt am wenigsten Minustore zuliess – weltweit.

Gut, das 4:4 gegen Island war in dieser Hinsicht ein (seltener) Ausrutscher, aber jene Partie hatte eine ganz besondere Geschichte, und war im Hinblick auf den weiteren Verlauf der WM-Qualifikation gewiss auch heilsam. Denn in Norwegen stand die selbe Abwehr wieder so fest, wie es ihr nach dem Island-Match nicht zugetraut worden war. Und mittlerweile schiessen die Verteidiger auch viele Schweizer Tore: Stephan Lichtsteiner war doppelter Torschütze gegen Island, Fabian Schär nun bei zwei Freistössen in Norwegen. Der junge FCB-Verteidiger hat in drei Länderspielen drei Treffer erzielt – nicht mancher Stürmer kommt auf eine derartige Quote.

Schweizer Defensivarbeit – das hat lange Tradition im internationalen Fussball. Karl Rappan, zwar Österreicher, aber viele Jahre in der Schweiz tätig und in vier Perioden auch jener Nationaltrainer mit den meisten Länderspielen (77), hatte dem Schweizer Spiel einst den „Riegel“ auferlegt. Eine Abwandlung des bis dahin weltweit praktizierten „WM-Systems“, einer Anordnung, die man heute als 3-2-2-3 bezeichnen würde. Das spezielle an diesem Riegel war, dass neben den drei fixen Verteidigern eine Art freier Mann sich darum kümmerte, Löcher zu stopfen. Ein Vorläufer des späteren Liberos. Mit dem „Riegel“ brachte die Schweiz in der Mitte des letzten Jahrhunderts zahlreiche grosse Teams in Verlegenheit und feierte grosse Siege. Viel später organsierte Paul Wolfisberg die so genannte „Abbruch GmbH“. Rustikale, zweikampfstarke Manndecker und Wadenbeisser wie Andy Egli, Heinz Lüdi, Gianpietro Zappa oder Roger Wehrli sorgten mit unangenehmem und hartnäckigen Körperkontakt dafür, dass die spielerisch und technisch überlegenen Gegner oft die Lust verloren.

Anders als die beiden historischen Schweizer Defensivsysteme ist das aktuelle Spielsystem von Ottmar Hitzfeld auf modernstem Stand. Auf der Position 6, doppelt besetzt, verfügt die Schweiz über Spieler von gehobenem Niveau. Stephan Lichtsteiner gehört zu den besten Aussenverteidigern überhaupt, wurde mit Juventus Turin zweimal in Folge Meister. Dazu kommt der (oft zu unrecht unterschätzte) Steve von Bergen und der noch etwas wankelmütige, aber hochtalentierte Linksverteidiger Ricardo Rodriguez. Im Zentrum hat Hitzfeld grosse Auswahl. Johan Djourou war seine erste Wahl in der ersten Hälfte der Qualifikation, nun hat sich Fabian Schär in den Vordergrund gespielt. Es gibt auch noch Timm Klose und Philippe Senderos, die jederzeit auf höchstem Niveau mithalten können. Und die Schweiz verfügt auch in der Offensive über einiges an Potenzial. Mit einem Durchschnittsalter von knapp über 25 Jahren befindet sich das Team ausserdem im besten Fussballalter und kann die nächsten zwei, drei Jahre prägen.

Die Wand wird wohl noch einen Moment stehen bleiben. Roger Waters wird seine heute Abend zum Einsturz bringen.

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