Tagebuch eines Entscheids


Dienstag Abend, 21.50 Uhr, Stade de Suisse Bern

Das Spiel gegen Slowenien ist zu Ende, die Schweiz gestaltet auch die letzte Partie der WM-Qualifikation gegen Slowenien siegreich. Hitzfeld sitzt auf der Bank, seine Spieler jubeln, ziehen sich Shirts über, lassen sich von den Fans feiern. Der Trainer geniesst einen Moment der Stille, geht in sich, lässt noch einmal den Kurzfilm der abgelaufenen Monate ablaufen. Er schreitet danach der Linie entlang zum Aussenstudio des Schweizer Fernsehens, lässt sich das Mikrofon installieren. In diesem Moment kommt Gökhan Inler, der Captain, bittet den Coach, mit dem Team auf dem Platz zu feiern. Hitzfeld willigt ein, tut, was er sonst nicht gerne tut. „Ich bin kein Trainer, der auf den Platz läuft.“ Aber hier hats gepasst.

Mittwoch Vormittag, 11.00 Uhr, Stade de Suisse Bern

Im Medienraum spricht Hitzfeld zur vergangenen Qualifikation und zur Zukunft. Er ist gefasst, analysiert gewohnt nüchtern, sagt Dinge wie „es ist ein Privileg, mit diesem Team zusammenzuarbeiten und eine neue Spielergeneration zu erleben“ oder „die Spieler sind mir ans Herz gewachsen“. Man hat den Eindruck, hier ist einer im Reinen mit sich und seinem Umfeld. Er spricht die Entwicklung des Teams an, das Potenzial, das erst in zwei, drei Jahren voll ausgeschöpft sein wird. Hitzfeld ist keiner, der sich tief in die Karten blicken lässt, nicht einmal Marco von Ah, der Medienchef und engste Vertraute Hitzfelds innerhalb des SFV, kann erahnen oder spüren, wie sich der Nationaltrainer betreffend seiner Zukunft nach der WM 2014 entscheiden wird. Aber auch er hat den Eindruck, dass die Worte darauf hindeuten, dass es nicht zu Ende gehen wird. Aber Hitzfeld sagt auch noch: „Es spielt keine Rolle, ob ich verlängere oder nicht, wichtig ist nur die Entwicklung eines Teams und die Zukunft.“

Donnerstag Vormittag, 8.58 Uhr, E-Mail Posteingang

Presse SFV – ASF Betreff: Einladung Medienkonferenz Ottmar Hitzfeld

Donnerstag Vormittag, 11.36 Uhr, Haus des Schweizer Fussballs, Muri bei Bern, 3. OG, grosses Sitzungszimmer

Eigentlich schien allen klar: Hitzfeld und der SFV geben die Vertragsverlängerung bis zur EURO 2016 in Frankreich bekannt. Der „Blick“ hat es schon in grossen Lettern angekündigt. Und man hat den Eindruck, dass Hitzfeld mitten in der WM-Euphorie nicht gleich am Tag nach seiner Bilanzpressekonferenz etwas anderes verkünden möchte. Doch er tut es. Er hatte es schon vor dem Qualifikationsspiel in Albanien gewusst. Er hat sich eine Woche lang nicht das Geringste anmerken lassen. Nun, da ihn alle als punktbesten Nationaltrainer der Schweizer Fussballgeschichte feiern, da den Schweizern die Türen zur Weltspitze offen stehen, sagt er: Das wars. Er wolle nach 35 Jahren im Trainergeschäft Abschied nehmen, nicht noch einmal an den Punkt kommen, ausgebrannt zu sein. Noch am Mittwoch hatte er gesagt, er sei mit seiner Frau seit 1975 verheiratet und man tausche sich immer noch aus. Sie hätte ihn immer unterstützt, seine Entscheidungen immer mitgetragen. Seine Entscheidungen waren immer auch ihre. Und so ist es wohl auch jetzt. Hitzfeld tritt auf dem Höhepunkt ab. Und er hat gewiss noch genug Kraft, Energie und Ehrgeiz, um sich mit einer starken WM 2014 mit dem Team zu verabschieden. Und er gibt dem SFV die Gelegenheit, seine Nachfolge rechtzeitig zu regeln. So wie auch sein Amtsantritt 2008 schon früh, Monate vor der EURO im eigenen Land, geregelt war.

 

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