Runar Sigurjonsson erklärt Island


Islands Fussball-Nationalmannschaft, am 8. September Gegner der Schweiz in der UEFA Nations League, erlebt die erfolgreichste Phase ihrer bisherigen Geschichte. Runar Mar Sigurjonsson, der Captain des Grasshopper Club Zürich, erklärt den Aufschwung – und den Geist, der im Team herrscht.

Ein paar Highlights gab es, das schon. Zum Beispiel: ein 0:0 in der EM-Qualifikation gegen Deutschland 2003. Oder: ein 2:0 im August 2004 gegen Italien, ein 0:0 gegen Spanien 2006 in einem anderen Test. Und: ein 1:1 in der EM-Qualifikation 2008 gegen den späteren Europameister Spanien. Islands Fussballer sorgten in unregelmässigen Abständen für Überraschungen. Aber einmal an einer EM dabei sein? An einer WM teilnehmen? Weit entfernt davon. Bis das Jahr 2012 begann. Und damit eine neue Zeitrechnung.

 

Der isländische Fussballverband suchte einen neuen Coach für die Landesauswahl und tat einen Glücksgriff. Jedenfalls sollte sich die Anstellung von Lars Lagerbäck als solcher herausstellen. Der Schwede brachte den Spielern sein bevorzugstes 4:4:2-System bei, er vermittelte ihnen den Glauben, dass sie Grosses erreichen können, wenn sich jeder strikt an die taktischen Vorgaben hält. Aber Lagerbäcks Arbeit beschränkte sich nicht auf graue Theorielektionen oder Trainings während dem Zusammenzug der besten Spieler des Landes von der Insel im Nordatlantik. Er hatte auch massgeblichen Anteil daran, dass der Verband neue Strukturen schuf und sich immer mehr professionalisierte. «Lagerbäck», sagt Runar Mar Sigurjonsson, «hat den Fussball in Island entscheidend weitergebracht.»

Premiere mit Torerfolg

Sigurjonsson sitzt im Campus in Niederhasli, auf dem Trainingsgelände seines Vereins GC erzählt er, wie das war mit Lagerbäck. Und wie er unter ihm 2012 sein erstes Länderspiel bestritt. Es war Mitte November, als die Reise nach Andorra führte, Island 2:0 gewann – und Sigurjonsson bei seiner Premiere gleich ein Treffer glückte. «Es ist schon eine besondere Erinnerung», sagt er, um schmunzelnd anzufügen: «Dafür war die Ambiance mit 500 Zuschauer nicht gerade speziell.»

Der 28-jährige Mittelfeldspieler absolvierte seither 14 weitere Einsätze. Und er war Teil einer Auswahl, die nicht mehr nur sporadisch Ausrufezeichen setzte. In der Qualifikation für die WM 2014 in Brasilien schaffte es die Mannschaft als Gruppenzweiter hinter der Schweiz bis in die Barrage und scheiterte erst dort an Kroatien. Danach aber brach die bislang erfolgreichste Phase in der Geschichte des isländischen Fussballs an. Die EM-Qualifikation beendete die Mannschaft auf dem zweiten Platz, vor der Türkei und Holland. Und an der ersten Endrunde überhaupt präsentierte sie sich von ihrer besten Seite. In Frankreich überstand sie nicht nur die Vorrunde, sondern auch den Achtelfinal und musste sich erst im Viertelfinal dem Gastgeber geschlagen geben.

Schnörkelloser Fussball

Island überraschte mit schnörkellosem Fussball, seine Spieler beeindruckten mit ihrem nie erlahmenden Kampfgeist – und begleitet wurden sie von Tausenden Anhängern, die in und ausserhalb der Stadien für begeisternde Stimmung sorgte. Und in der Heimat schien in jenen Tagen die Zeit still zu stehen. Die Bilder bekamen natürlich auch die Spieler mit, Bilder, die belegen, wie sehr die Isländer ihr Team lieben und diesen Sport: «Wir sind alle fussballverrückt», sagt Sigurjonsson, der in jungen Jahren ein glühender Fan von Manchester United war und heute noch jede Gelegenheit wahrnimmt, Partien der Mannschaft zu sehen.

Ein Nationalteam aus einem Kleinstaat mit rund 350’000 Einwohnern an einer Europameisterschaft also – das war so aussergewöhnlich, dass der frühere Luzern- und GC-Stürmer Sigurdur «Sigi» Gretarsson dachte: «Vermutlich werde ich es nicht mehr erleben, dass wir noch einmal an einer Endrunde dabei sein werden.» Und was geschah? Island verdiente sich auch die Qualifikation für die WM in Russland. Ihr Trainer hiess nicht mehr Lagerbäck, sondern Heimir Hallgrimsson, der zunächst dessen Assistent war, bevor er zum Co-Chef aufstieg und ab 2016 das alleinige Sagen hatte.

Nicht im WM-Aufgebot

Ein Coup wie in Frankreich glückte zwar nicht, aber das Abschneiden wurde nicht als Enttäuschung gewertet, obwohl der Ertrag mit einem Punkt (1:1 gegen Argentinien) bescheiden blieb. In der letzten Vorrundenpartie gegen Kroatien stand es bis zur 90. Minute 1:1 – und ein Treffer hätte den Isländern zu einem Verbleib im Turnier verholfen. Dann aber beendete Ivan Perisic mit seinem 2:1 für den späteren WM-Finalisten die Hoffnungen. Die Bilanz aus Sicht des einstigen Nationalspielers Sigi Gretarsson: «Es ist schlicht grossartig, was die Mannschaft wieder geleistet hat.»

Sigurjonsson gehörte in diesem Sommer zwar nicht mehr zum Aufgebot, aber er verfolgte die Auftritte gleichwohl mit Emotionen, wie ein Fan – und nicht verbittert, weil es ihm nicht zu einer Nomination gereicht hatte. Er sieht, dass die Konkurrenz im zentralen Mittelfeld gross ist und er Leuten wie Aaron Gunnarsson oder Gylfi Sigurdsson den Vortritt lassen muss. Gunnarsson ist der Captain und bei Cardiff City unter Vertrag, Sigurdsson, der Profi von Everton, ist ebenso unbestritten. «Und solange der Erfolg da ist», sagt er, «gibt es für den Trainer keinen Grund, etwas zu verändern.» Aber für Sigurjonsson ist klar: «Ich stehe jederzeit zur Verfügung.»

Erik Hamren neuer Trainer

Er freut sich auf jeden Zusammenzug, weil das auch bedeutet, dass er Freunde trifft. Es mag kitschig klingen, ist aber im Fall der Isländer Realität: «Wir sind eine Gruppe, in der jeder jeden mag. Wir sind zusammen gross geworden, wir unternehmen auch neben dem Platz viel gemeinsam.»

Diese Gruppe hat nach der WM einen neuen Coach bekommen. Erik Hamren ist der Mann, der die Isländer an die EM 2020 führen soll. Die jüngsten Höhenflüge mit EM- und WM-Teilnahme schüren Erwartungen und sorgen im Land dafür, dass der Fussball noch populärer wird. Der Verband investiert viel in die Nachwuchsförderung und in die Infrastruktur. Mehrere Hallen mit Kunstrasen wurden gebaut, damit auch in den kalten Wintermonaten trainiert werden kann.

Wer Talent hat, drängt früh ins Ausland, weil die heimische Liga mit zwölf Vereinen eine überschaubare Ausstrahlung hat. Die Meisterschaft fängt Ende April an, ist Ende September bereits zu Ende, und für die meisten Spieler ist der Fussball immer noch ein Hobby. «Es gibt mittlerweile ein paar Profis», sagt Sigurjonsson, «sie bekommen zwar nicht einen riesigen Lohn, aber mit dem Geld können sie zumindest den Lebensunterhalt bestreiten.»

Sigurjonsson eiferte einst Ronaldo nach, dem Stürmer aus Brasilien. Als klar war, dass aus dem Isländer ein Mittelfeldspieler werden sollte, rückten andere Grössen in den Vordergrund: Paul Scholes und Michael Carrick von ManU oder auch Iniesta, damals einer der Künstler beim FC Barcelona. Und sie alle imponierten vor allem mit ihrer Intelligenz, mit ihrer Gabe, kaum Fehler zu machen.

Hoffen auf das Comeback

Der Isländer von GC gilt als furchtlos, als Mann, der seine Meinung standhaft vertritt wie in der vergangenen Saison, als er sich von Murat Yakin ungerecht behandelt fühlte und nach dem temporären Wechsel nach St. Gallen deutliche Worte für seinen ehemaligen Trainer fand. Seit Sommer ist Sigurjonsson zurück, sein Vertrag läuft noch bis 2019. Bis dahin möchte er auch Werbung in eigener Sache machen, um vielleicht die Möglichkeit zu bekommen, doch noch in eine grosse Liga Europas zu wechseln. Und vereinfachen würde das gewiss, wenn er bald sein Comeback in der Nationalmannschaft geben würde – und mit Island weiterhin Erfolg hätte.

 

Dieser Artikel von Peter M. Birrer ist in der aktuellen Ausgabe des Fussballmagazins „rotweiss“ erschienen – jetzt Jahresabonnement bestellen!

 

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