Rot-Weiss – multinationales Erfolgsrezept


Wenn einer ein rot-weisses Trikot der Schweizer Fussball-Nationalmannschaft überstreifen darf, dann kann er das nur tun, wenn er einen Schweizer Pass hat. Und wenn er einen Schweizer Pass hat, ist er Bürger dieses Landes, also Schweizer. Er wurde in einem rechtmässigen Verfahren eingebürgert, es ist also alles in Ordnung. Der Schweizer Fussball war schon immer von ausländischen Einflüssen geprägt. Das galt schon für die Pionierzeiten, als englische Schüler und Studenten das Rugby und eben den Fussball über die Internate und Universitäten in die Schweiz brachten. Als eine Auswahl der damaligen Schweizer Football Association (auch der Name des Verbandes war damals noch englisch geprägt…) zu ihrem ersten nachgewiesenen Spiel antrat, am 4. Dezember 1898 auf dem Basler Landhof, da hiessen die Schweizer Akteure Muschamp, Butler, Forgan, Ywens, Collison oder Blijdenstein. Sie waren keine Schweizer, und das war damals auch noch nicht so wichtig.

Einige der grössten Fussballer, die dieses Land kennt, hatten „Migrationshintergrund“. Man hätte dieses unschöne Wort damals noch nicht verwendet, als Severino Minelli, Sohn italienischer Eltern und aufgewachsen in Küsnacht am rechten Zürichseeufer, mit der Captainbinde die Schweiz aufs Feld führte und mit 80 Länderspielen für fast ein halbes Jahrhundert lang der Schweizer Rekordnationalspieler blieb. Eugène „Genia“ Walaschek, in Moskau als Sohn eines Tschechen und einer Deutschen geboren, flüchtete im Ersten Weltkrieg mit seiner Genfer Grossmutter unter falschem Namen in die Schweiz, wurde später ein „Staatenloser“ und wurde erst nach vielen Hindernissen eingebürgert. Er machte vor und nach der WM 1938 insgesamt 13 Länderspiele ohne Schweizer Pass. Sirio Vernati liess sich vom Schweizer Verbandspräsidenten Otto Eicher erst im Alter von 29 Jahren dazu überreden, sich einbürgern zu lassen und so doch noch zum spätberufenen Nationalspieler werden zu können.

Es gibt viele andere mehr: Kubilay Türkyilmaz, Ciriaco Sforza oder die Gebrüder Hakan und Murat Yakin, deren Einbürgerungsgesuchte im Januar 1994 sogar vor dem Baselbieter Landrat verhandelt wurden und an denen sich eine Debatte darüber entzündete, ob es Sinn mache, Menschen einzubürgern, nur weil sie besonders gut Fussball spielen können. Auch Breel Embolo, der am Dienstagabend gegen die USA sein Debüt für die Schweizer Auswahl feiern durfte, musste sich viele Monate gedulden, um den roten Pass zu erhalten. Als er eingewechselt wurde, jubelte ihm das Publikum zu. Es war einer der wenigen emotionalen Momente an diesem Abend.

Mittlerweile ist das Schweizer Nationalteam geprägt von „Secondos“ – es ist, wie Jürgen Klinsmann sagt, eine gesellschaftliche und damit auch eine sportliche Realität in Zeiten der Globalisierung. Wir sollten die Sache also entspannt sehen. Auch die „anderen“ Schweizer sind „echte“ Schweizer.

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