Jetzt spinnt er!


„Rotiert und durchgedreht“ – die Schlagzeile in der „Basler Zeitung“ vom 15. September 2014 lässt wenig Fragen offen. Sie richtet sich an Paulo Sousa, den Trainer des ortsansässigen Fussballclubs. 1:3 hat Sousa mit dem FC Basel am Samstag zuvor gegen die Grasshoppers verloren, und man fragt sich, warum die Zeitung, die den portugiesischen Fussballlehrer zwei Wochen zuvor in einem Leitartikel noch über die Massen abgelobt hatte („Es herrscht Sonnenschein“) nun plötzlich die Kanone aus dem Keller holt.

Die Antwort ist relativ einfach – Paulo Sousa, in den ersten Wochen für seine anforderungsreichen Ideen mit taktischer Flexibilität und personeller Rotation noch wie ein Welttrainer gefeiert, hat auch drei Monate nach seinem Amtsantritt noch keinerlei Struktur in Spiel und Personal seines grossen Kaders hineinbringen können. Im Gegenteil, seine Dispositionen wirken je länger je unorientierter – und statt der grossen Vorfreude auf das Champions-League-Startspiel bei Real Madrid hat Kopfschütteln eingesetzt, statt der oft bemühten Balance, die Sousa immer wieder propagiert, scheint schon einiges aus dem Gleichgewicht zu geraten. Erstmals gibt es auch Signale des Unverständnisses aus der Mannschaft – Fabian Schärs Gestik nach seiner Auswechslung nach 36 (!) Minuten im Spiel bei GC lässt keine Interpretation zu.

Schär wurde am Sonntag nach der Partie gleich noch einmal in die Schranken gewiesen. Statt des geplanten Empfangs als WM-Achtelfinals in seiner Heimat Wil muss er zum kurzfristig angesetzten Training in Basel erscheinen. Die ganzen Vorbereitungen in Wil waren umsonst, die Enttäuschung entsprechend gross. Sousa, der gemäss einem Interview in der „baz“ vom vergangenenen Samstag noch nie in der Innenstadt von Basel war, scheint sich mit den Sensibilitäten in der Schweiz wenig auszukennen. Hermetisch hat er das Trainingszentrum für Medien und Fans abriegeln lassen – Volksnähe, bislang eine baslerische Tugend, fühlt sich anders an.

Dass die „baz“ bereits so früh den Zweihänder zieht, ist kein gutes Zeichen. Die Zeitung hatte sich in der vergangenen Spielzeit auch auf Murat Yakin eingeschossen. Die Zeit des Trainers war am Ende der Spielzeit abgelaufen. Mit Sousas Verpflichtung war die Hoffnung auf einen neuen, attraktiven Fussball in einem kommunikativen Umfeld verbunden. Kommuniziert wird seither viel, mindestens nach innen. An der Gesprächskultur mangelt es offenbar innerhalb des Teams nicht, doch wer lange genug im Fussball dabei ist, weiss, dass zu viele Worte auch irgendwann ins Gegenteil umschwenken können.

„Rotiert und durchgedreht“ – der Titel ist gewiss nicht zufällig doppeldeutig. Und erinnert an eine Epoche von Fussballpädagogik, wie sie in der Schweiz vor fast 20 Jahren einzigartig war. Artur Jorge wirbelte als Nachfolger von Roy Hodgson im Schweizer Nationalteam vor der EURO 1996 alles kräftig durcheinander. Er änderte das System, verabschiedete sich unverhofft von verdienten Spielern wie Alain Sutter und Adrian Knup, legte sich auch mit Ciriaco Sforza an und sprach viele wirre Dinge. „Jetzt spinnt er“, titelte der „Blick“ damals. Die EURO 1996 ging mit Jorge gründlich daneben, einige Monate später war er Geschichte. Die Aufbruchstimmung, die Hodgson im Schweizer Fussball lanciert hatte, war verpufft.

Für Paulo Sousa und den FC Basel bleibt zu hoffen, dass der Weg irgendwann ans Ziel führt. Erste Stolpersteine sind jedenfalls schon einmal ausgeworfen worden.

 

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