In den Seilen


Es ist ein ausgesprochen mutiger Auftritt im Fussballstadion St. Jakob-Park von Basel. Die Akteure hängen sich voll rein. Auf schmerzvolle Weise muss der Gegner die Entschlossenheit anerkennen und machtlos zuschauen, wie er seine Idee inszeniert.

Für einmal ist hier nicht vom FC Basel die Rede, der an diesem Champions-League-Abend gegen den FC Schalke 04 den Zugang zum Spiel nicht findet, sondern von der Aktion der Umweltorganisiation Greenpeace am Haupttribünendach, die der Fussballstadt Basel womöglich noch weit grösseren Schaden zufügen könnte als die 0:1-Niederlage gegen den Bundesligisten am Dienstagabend.

Es droht ein juristisches Nachspiel mit ungewissem Ausgang. So geheim und verschlungen die Wege sind, die sich die Aktivisten im St. Jakob-Park aufs Dach gesucht haben, so verstrickt und kompliziert ist die Ausgangslage, wenn es nun darum geht, die Schuldfrage zu klären. Die UEFA hat ein Disziplinarverfahren eröffnet, sie steht in der Schuld ihres Sponsors „Gazprom“, der Millionen in die Geldmaschine „Champions League“ pumpt und gleichzeitig Trikotsponsor des Basler Gegners Schalke 04 ist. Sie wird, ganz unabhängig von der inhaltlichen Qualität der Protestaktion von Greenpeace aufgrund der Ölbohrungen des russischen Konzerns in der Arktis, ihren Geldgeber schützen müssen und am verantwortlichen Veranstalter ein Exempel statuieren. Eine sehr hohe Busse, vielleicht sogar eine Stadionsperre, drohen. „Gazprom“, in einem politisch umstrittenen Umfeld tätig, versteht das Sponsoring von Sport-Grossveranstaltungen als Imagewerbung – und mit Störaktionen wie jener am Dienstag wird auf der Bühne des Geldnehmers genau dieses Image beschädigt. Auf sich sitzen lassen werden die Russen dies kaum. Es könnte soweit gehen, dass sie sogar wirtschaftliche Wiedergutmachung des Schadens verlangen.

Was dann? Wer kommt für die Busse an den FC Basel auf, wer für allfällige Einnahmenausfälle im Falle einer Stadionsperre? Wer ist verantwortlich. Der FC Basel als lokaler Veranstalter? Basel United, das Unternehmen, das für die Sicherheit bei Heimspielen zuständig ist? Die Stadiongenossenschaft als Eigentümerin des St. Jakob-Park? Das Tertianum, das im Tribünenhauptgebäude integrierte Altersheim, das eine Option für den Zugang aufs Stadiondach bieten könnte, auf dem in den letzten Tagen eine Photovoltaik-Anlage installiert wurde? Basel United hat vorsorglich Anzeige wegen Hausfriedensbruch erstattet. Das ist wohl erst der Anfang einer langen Geschichte, in denen es auch um finanzielle Ansprüche und Regresse gehen kann.

Greenpeace hat ein Spektakel inszeniert, wie immer, wenn es darum geht, die eigenen Anliegen medienwirksam unters Volk zu bringen. Das Ziel war der Konzern „Gazprom“, der Schutz der Arktis. Das sei hier nicht gewertet. Aber die Bühne, die die Umweltorganisation gewählt hat, bringt mit dem FC Basel einen Verein zu Schaden, der mit der ganzen Geschichte herzlich wenig zu tun hat, mit Ausnahme vielleicht des Umstandes, dass man als Champions-League-Teilnehmer vom Geldsegen der UEFA profitiert, der auch durch Gazprom wesentlich mitfinanziert wird.

Schaden trägt wohl auch der ganze Schweizer Fussball. Mit Basel hat sich der Schweizerische Fussballverband als eine von 32 Nationen für die Ausrichtung von Spielen bei der dezentral organisierten EURO 2020 beworben – mit dem multifunktionalen Stadion St. Jakob-Park in Basel, das mit den verschiedenen Nutzergruppen (Tertianum, Einkaufscenter, Parking, Turm) noch schwieriger zu kontrollieren ist als andere Arenen. Nach den Vorfällen am Dienstag, von denen UEFA-Präsident Michel Platini persönlich Zeuge geworden ist, haben sich die Schweizer Chancen nicht verbessert. Auch dieses Dossier hängt nun buchstäblich in den Seilen.

 

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