Entscheidungen auf Plastik


Am 14. Juni 2015 wird das Schweizer Nationalteam in Litauen erstmals ein Qualifikationsspiel auf Kunstrasen bestreiten. Auch die Frauen-WM 2015 in Kanada wird ausschliesslich auf künstlichem Grün ausgetragen. Ein Wink in die Zukunft?

 

Als das Schweizer Nationalteam im Februar 1968 zum EM-Qualifikationsspiel in Nikosia antrat, da bezog sie nicht nur eine historische 1:2-Niederlage auf der Insel, Karl Odermatt und seine Kollegen beklagten sich hinterher auch lautstark über die Spielunterlage. Von Gras war weit und breit nichts zu sehen, die Zyprioten waren auf einem holprigen Sandplatz doch im Vorteil. Klagen dieser Art werden am 8. September dieses Jahres nicht angebracht sein. Der Rasen im Londoner Wembley-Stadion gilt traditionell als der liebevoll gepflegteste der ganzen Welt. Es wird im Duell gegen Gruppenleader England der perfekte Teppich ausgerollt für einen hoffentlich erfolgreichen Schweizer Fussballherbst.

Und irgendwo zwischen diesen beiden Realitäten wird das Schweizer Nationalteam am 14. Juni im LFF Stadium von Vilinius in Litauen eine Unterlage unter Qualifikationsbedingungen bespielen, auf der sie bislang erst eines ihrer 753 Wettbewerbsspiele ausgetragen hat: auf Kunstrasen feierte die Schweiz am Mittwoch beim 3:0 gegen Liechtenstein Premiere. Zuvor war das Nationalteam dem künstlichen Grün stets erfolgreich ausgewichen, insbesondere in Bern, wo man sich in dieser Hinsicht seit der Eröffnung des neuen Stade de Suisse Wankdorf im Jahr 2005 nie ganz einig wurde, die Auswahl des SFV aber in Zeiten artifiziellen Teppichrasens jedoch nie bei sich begrüssen durfte.

Drei Cupfinals auf Kunstrasen

Was nicht heisst, dass der Kunstrasen in der Schweiz nicht zu einer durchaus genutzten Alternative geworden wäre. Immerhin dreimal (2006, 2007, 2009) fand im Stade de Suisse der Schweizer Cupfinal auf Kunstrasen statt. Und neu erstellte Kleinstadien wie die Maladière in Neuenburg, die Stockhorn-Arena in Thun oder die IGP-Arena in Wil verfügen über künstlichen Untergrund. In der swissporarena wurde darüber nachgedacht, genauso wie in der aktuell entstehenden Tissot-Arena in Biel. Doch an beiden Orten wird künftig weiterhin auf Naturrasen gespielt.

Der einst erwartete Siegeszug der pflegeleichteren und belastbareren Spielunterlage hat jedoch in der Schweiz und auch in den grossen europäischen Ligen nicht eingesetzt. Und dass es jetzt in Litauen zur Schweizer Länderspielpremiere auf Kunstgrün kommt, ist kein Zufall. Gerade für Länder, die noch in der fussballerischen Entwicklung stecken oder in denen besondere klimatische Verhältnisse herrschen, sind Kunstrasenfelder aufgrund ihrer Nachhaltigkeit auch vom finanziellen Aspekt her attraktiv.

Seit offiziell 2004 erlaubt

Die FIFA erlaubt grundsätzlich seit 2004 auch Wettbewerbsspiele auf Kunstrasen. Voraussetzung ist jedoch, dass die Rasenteppiche den Qualitätslabels des FIFA-Qualitätskonzeptes oder der dem „International Artificial Turf Standard“ genügen. Es kann auch eine Ausnahmebewilligung der FIFA vorliegen. Der Normenkatalog war schon 2001 in Zusammenarbeit mit der UEFA entwickelt worden. Für internationale Spiele auf höchstem Niveau, also auch für die Frauen-WM 2015 in Kanada, bei der ausschliesslich auf Kunstrasenfeldern gespielt werden wird, muss das höchste zu vergebene Qualitätslabel „FIFA Recommended 2 Star“ erteilt sein. Dass in Kanada Kunstrasen modernster Prägung verlegt werden, war im Rahmen des Wettbewerbsreglementes eine Zusicherung des Weltverbandes an einige Spielerinnen, die sich zunächst im Widerstand geübt hatten und sogar von Diskriminierung sprachen. Nach einer Aussprache am FIFA-Sitz in Zürich und der Qualitätszusicherung einigte man sich, die Opposition gegen eine Kunstrasen-WM der Frauen aufzugeben. Mit dem Entscheid, in Kanada auf Kunstrasen zu spielen, wurde in erster Linie auf die klimatischen Verhältnisse Rücksicht genommen. Rasenspielfelder sind aufgrund des langen und harten Winters an einigen Spielorten nicht rechtzeitig bis zur WM in der gewünschten Topqualität herzurichten, nicht nur in den Stadien, sondern vor allem auch auf den Trainigsfeldern. Mit dem Entscheid für den Kunstrasen wird auch das Ziel erreicht, in allen Austragungsstadien identische Verhältnisse anzubieten.

 

Wie Kohle oder Gas

Über die Qualität von Kunstrasen muss man längst nicht mehr sprechen. Die brennenden Borsten, wie sie in den ersten Generationen noch vorherrschten, die harte Unterlage, wie sie etwa beim Kunstrasen in der Maladière von Neuenburg tief seufzend beklagt wurde (und wird…), sie sind nicht mehr mit der Entwicklung von heute zu vergleichen. Vielmehr ist es eine Frage von Tradition und Philosophie, ob man Kunstrasen mag oder nicht. Die einen vermissen den Duft des frisch geschnittenen Grases, obwohl die hochgezüchteten Stadienrasen von heute nicht mehr all zu viel mit Natur zu tun haben. Und natürlich die wegfliegenden Grasfetzen bei einer soliden Grätsche. Die anderen kommen mit den veränderten Spieleigenschaften auf dem Kunstrasen nicht so gut klar. Es ist ein wenig wie in der Grillwelt. Ob Holzkohle oder Gas – die Unterschiede sind längst nicht so gross, wie sich die Vertreter der beiden „Lager“ weis machen wollen.

Ein häufiges Vorurteil, das im Zusammenhang mit der Nutzung von Kunstrasen immer wieder angeführt wird, ist die angeblich höhere Verletzungsgefahr. Das FIFA-Zentrum für medizinische Auswertung und Forschung (F-MARC) hat jedoch in Studien nachweisen können, dass „bezüglich Häufigkeit, Schwere, Art oder Ursache von Verletzungen in Spielen oder Trainings zwischen Kunst- und Naturrasen keine signifikanten Unterschiede bestehen“. Auch hinsichtlich der Spielqualität bestehen gemäss einer umfassenden Untersuchung des britischen Unternehmens „Prozone“ keine Unterschiede.

Die Frauen-Weltmeisterschaft in Kanada ist längst nicht der erste offizielle internationale Fussballanlass, bei dem auf Kunstrasenfeldern gespielt wird. Bei der FIFA-U17-Weltmeisterschaft 2003 in Finnland wurden erstmals zehn Partien, darunter auch der Final, auf künstlicher Unterlage durchgeführt. Zwei Jahre später in Peru wurde sogar erstmals ein gesamtes U17-WM-Turnier auf Kunstrasenfeldern ausgetragen. Es folgten die U17-Frauen-Weltmeisterschaften 2012 und 2014 in Aserbaidschan und Costa Rica, die U20-WM der Frauen ebenfalls schon in Kanada im vergangenen Jahr.

Zwölf 2-Stern-Felder in der Schweiz

In der Schweiz führt die FIFA derzeit zwölf Kunstrasenfelder der höchsten Kategorie, „FIFA 2 Star Recommended“, darunter auch die beiden Super-League-Arenen des BSC Young Boys und des FC Thun. Auf dem höchsten Standard befindet sich auch das Spielfeld im Stadion des litauischen Fussballverbandes in Villnius, in dem das Team von Vladimir Petkovic am 14. Juni 2015 weitere Punkte in der EURO-Qualifikation einfahren möchte. Der Kunstrasen nennt sich denn auch vielversprechend „Edel Soccer Future DS 42“. In der Schweiz ist der gängiste Hochqualitätskunstrasen jener der Firma Polytan, die alle höchstzertifizierten Felder eingebaut hat. Die Ausnahme bildet die Stockhorn Arena in Thun. Dort liegt ein Produkt der Firma FieldTurf Inc.

Trotz der hohen Qualität von Kunstrasen setzen viele Spitzenclubs in der Schweiz weiterhin auf die Natur – und das wird wohl auch so bleiben. Der internationale Experte Professor Eric Harrison, der im Auftrag der FIFA auch die Spielfelder für die Frauen-WM in Kanada begutachtet hat, sieht die Diskussion jedenfalls gelassen: „Wenn ein guter Naturrasen zur Verfügung steht, soll man ihn nutzen und geniessen. Wenn es aber aus irgendwelchen Gründen nicht möglich ist, einen guten Naturrasen zu bestellen und zu unterhalten, ist Kunstrasen eine gute und verlässliche Alternative.“

 

FIFA-zertifizierte Kunstrasenfelder in der Schweiz

„2 Star Recommended“: Stade de Suisse Bern, Arena Thun, Löhrenacker Aesch BL, Neufeld Bern (Nebenplatz 1), Erlenmoos Wollerau, GSZ Hönggerberg, Hochweid Kilchberg, Grünfeld Rapperswil-Jona, Brand Thalwil, Eidgenössische Sportschule Magglingen, Stade des Jeanneret Le Locle, Eizmoos Cham.

„1 Star Recommended“: Stade de Perreux Boudry, Stade de Colovray Nyon, Stade de la Charrière La Chaux-de-Fonds, Centro Sportivo Nazionale Tenero, Neufeld Bern (Nebenplatz 2), Chrummen Freienbach, Terrain Fleuri Begnins, Seefeld Sarnen, Rossmoos Emmenbrücke, Stapfen Ost Naters, Widen, Stade St. Marc Bagnes.

Kunstrasenfelder in den obersten Ligen ohne aktuelle FIFA-Zertifizierung: IPG-Arena Wil, Stade de la Maladière Neuchâtel.

Link zur FIFA-Seite Kunstrasenzertifikationen

 

 

 

 

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