Ein Lampenberger Körper


Im St. Jakob-Park gibt es ein kleines Café, gleich gegenüber dem Kiosk, wo sich die Fans am Spieltag mit Bierdosen eindecken, weil es im Stadion meistens kein „richtiges“ Bier mehr zu kaufen gibt. In jenem Café trafen drei Journalisten der Basler Zeitung die Zwillingsbrüder David und Philippe Degen. Man hatte sich schon gesehen, einzeln, meistens flüchtig, aber hier nun erlebte man die beiden erstmals in voller Fahrt. Es war ein Schauspiel, es wurde gelacht, geredet und es dauerte nicht lange, bis die ganze Aufmerksamkeit der übrigen Café-Besucher nur noch auf den Tisch in der Ecke gerichtet waren, wo es hoch zu und her ging. Die Degen-Zwillinge aus Lampenberg waren damals noch keine 20 Jahre alt, der FC Basel erlebte gerade seine erste grosse Phase nach einer langen Durststrecke, die Degens waren aufgeweckt, energiegeladen. Ein verbales „perpetum mobile“ prasselte auf die Journalisten nieder und irgendwann fiel der Satz: „Massage, was soll das? Wir brauchen das nicht.“

Die beiden standen im Vollbesitz ihrer Kräfte, ihre Körper waren durchtrainiert, vom Fussball konnten sie nicht genug bekommen, nicht selten setzten sie ihre Spielfreude zuhause auf dem Schulhausplatz in Lampenberg fort, als sich andere regenerierten. Die Physis schien unantastbar.

Mittlerweile sind viele Jahre ins Land gezogen, eine ganze Fussballergeneration schon fast, nächsten Februar werden die Degens, man glaubt es kaum, 30 Jahre alt. Philippe hat in aller Brutalität erfahren, was es heisst, wenn ein Körper die Belastungen im Spitzenfussball nicht mehr mitträgt, wenn eine Verletzung der anderen folgt. Wie sehr diese körperlichen Probleme auch an die geistige Substanz gehen. Wie oft man sich die Frage stellt, warum schon wieder? Warum schon wieder ich?

Es gab sogar Gedanken an das vorzeitige Karriereende. Doch ein kleiner Rest Kraft steckt immer irgendwo in einem Degen, zur Not angezapft beim Zwillingsbruder, der Mut macht. Philippe Degen nahm den Notausgang, löste seinen Vertrag beim FC Liverpool auf und schloss sich zunächst als Trainingsgast dem FC Basel an. Es ging langsam aufwärts, er wollte nun nichts mehr überstürzen. Irgendwann entschloss sich der FC Basel, ihm einen Vertrag zu geben. Die Trainingseindrücke reichten, um festzustellen, dass hier immer noch ein guter Fussballer am Werk ist, verbunden mit der Ungewissheit seiner körperlichen Entwicklung, zwar, aber doch vielversprechend genug, um zu wissen, dass dieser Mann eines Tages wieder helfen kann.

Am Mittwochabend war der Tag gekommen. Nach durchzogenen Leistungen der Aussenverteidiger erhielt Philippe Degen wieder einmal eine Chance in der Startformation. Er nutzte sie fulminant. Er rannte die rechte Flanke auf und ab, als hätte er auch in den letzten vier Jahren nie etwas anderes gemacht. Dabei ist er in fünf Saisons gerade einmal in 30 Partien aufgelaufen, in Dortmund, in Liverpool und in Stuttgart. Er hat seinen Platz in der Nationalmannschaft verloren und machte ganz schwierige Zeiten durch. Gegen den FC Sion zeigte er seine volle Dynamik, er erzielte zwei wunderbare Tore und er erlöste jenes Team, in das er Aufnahme fand, als er ganz unten gestanden ist. Von der Rastlosigkeit von damals im Café ist bei Philippe Degen nicht mehr viel übrig geblieben. Er gibt Auskunft, zurückhaltend, fast ängstlich. Er sei einfach nur dankbar für das, war er erleben darf. Er musste erfahren, dass auch ein Lampenberger nicht unversehrbar ist. Sondern wie fragil das Kapital eines Fussballers sein kann.

 

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