Die Reise nach Brasilien 1950


Vor 64 Jahren reiste schon einmal ein Schweizer Fussballteam an eine WM nach Brasilien. Erinnerungen an eine andere Fussballzeit, die den Schweizern ein achtbares 2:2 gegen den Gastgeber brachte.

Die WM hatte wegen des Zweiten Weltkrieges seit 1938 nicht mehr stattgefunden – und für die Auflage 1950 gab es die eine oder andere Besonderheit. Deutschland und Japan waren wegen ihrer Kriegsverbrechen von der FIFA ausgeschlossen worden und durften nicht teilnehmen. Dazu wurden nur 13 der vorgesehenen 16 WM-Plätze belegt. Indien, das sich eigentlich kampflos qualifiziert hatte, verzichtete ebenso wie Schottland und die Türkei. Auch Portugal und Frankreich lehnten die angebotenen Nachrückplätze ab. Dafür war erstmals in der WM-Geschichte eine englische Auswahl am Start.

Die Schweiz hatte ihre Ausscheidungsspiele im Frühjahr und Spätsommer 1949 locker überstanden. Nach dem 5:2-Heimsieg gegen Luxemburg in Zürich war der 3:2-Erfolg im Rückspiel eine Formsache – und für die zweite Runde erklärt Gegner Belgien den Verzicht. Aber immerhin war man nach dem Verzicht bei der Premiere 1930 nun zum dritten Mal in Folge an einer WM mit von der Partie. Nach den Absagen trat die Besonderheit ein, dass in der Gruppe 4 nur noch zwei Teams für ein Spiel anzutreten hatten, Uruguay stiess dabei mit einem 8:0 gegen Bolivien in die Finalrunde der besten vier Teams vor.

Die Schweizer waren mit einem Flugzeug der Scandinavian Air von Zürich nach Dakar geflogen, nach einem Zwischenhalt am westlichsten Punkt Afrikas mit Flughafen gings nachher weiter nach Südamerika. Delegationsleiter war Ernst B. Thommen, der sich in Rio de Janeiro in das Exekutivkomitee der FIFA wählen lassen sollte. In der Gruppe 1, einer von nur zwei Vierergruppen, verlieren die Schweizer am 25. Juni 1950 ihre Auftaktpartie gegen Jugoslawien gleich mit 0:3.

Das Spiel gegen Brasilien ist der zweite Auftritt in der Gruppe 1, und weil die Brasilianer als Gastgeber ihre Auftaktpartie gegen Mexiko klar gewinnen konnten, sind sie im Estadio Pacaembu von Sao Paulo natürlich der grosse Favorit. Nichts anderes als einen klaren Sieg wollen die 42 000 Zuschauer von ihrem Team auf dem Weg zum erwarteten WM-Titel sehen. In der Schweiz scheinen die Geschehnisse an der Fussball-Weltmeisterschaft weit weg, es läuft die Tour de Suisse, und weil sich dort Hugo Koblet ins Goldtrikot einkleiden lässt, muss der Fussball mit den Schlagzeilen hinten an stehen. Das gilt selbst für das 2:2, das sie völlig überraschend gegen Brasilien erreichen und das etwa in der Fachzeitung „Sport“ erst ab Seite 9 gewürdigt wird.

Einige Tage zuvor spielt sich im selben Stadion schon eine grosse Überraschung ab, als die Schweden den amtierenden Weltmeister Italien (seit 1938 ist aufgrund des Zweiten Weltkriegs kein Turnier mehr ausgetragen worden) mit 3:2 bezwingen können. Die Schweizer wollen nun Ähnliches schaffen und räumen sich aufgrund ihres längst etablierten und auch unter Trainer Franco Andreoli weiter praktizierten „Riegels“ mit einer stark defensiven Grundhaltung doch gewisse Chancen ein. Den Brasilianern passen die so eingeengten Räume nicht ins Konzept und sie tun sich ausgesprochen schwer, verlieren mehr und mehr ihre Linie und Ordnung. Dennoch reicht ihre individuelle Klasse, um zweimal in Führung zu gehen.

Das erste Tor ist heftig umstritten, denn Ademir erreicht den Ball vor seiner Hereingabe erst deutlich hinter der Behindlinie. Das 0:1 durch den von Baltazar mit einem Rückpass freigespielten Alfredo schon in der vierten Minute ist ein schneller Rückschlag, durch den sich die Schweizer jedoch nicht lange beeindrucken lassen. Sie versuchen in einer Trotzreaktion, das „peinliche Missgeschick“ des Schiedsrichtertrios („Sport“) mit noch mehr Entschlossenheit wettzumachen. Alfred Bickel, der Schweizer Captain, der diesmal von der halbrechten Offensivposition aus das Schweizer Spiel lenkt, profitiert in der 19. Minute von einer unsauberen Aktion in Brasiliens Abwehr und erobert den Ball, den er in den Fünfmeterraum flankt, wo Jacky Fatton den Ball aus dem Gewühl heraus aus kurzer Distanz über die Linie drückt: 1:1.

Die neuerliche Führung der Brasilianer resultiert aus einem unnötig von Gerhard Lusenti verursachten Eckball. Baltazar kann diesen mit einem wunderbaren Kopftor verwerten. Ein irreguläres Tor und eine Standardsituation – die Entstehungsweise der beiden brasilianischen Treffer zeigt, dass sich die Gastgeber aus dem Spiel heraus schwer tun. Die zweite Halbzeit bestätigt das Geschehen der ersten 45 Minuten. Die Brasilianer sind wohl mehr im Angriff, doch die Schweizer Bemühungen wirken gegen die oft nicht sehr kompakt stehende Abwehr Brasiliens zielstrebiger. Mit zunehmender Spieldauer spüren die Gäste, dass gegen diese Brasilianer etwas möglich ist. Etwas gebremst werden sie in ihren Bemühungen, als Torhüter Georges Stuber nach einem Treffer an den Kopf minutenlang gepflegt werden muss und nachher leicht benommen zu Ende spielen muss. Der blonde „Canarino“ André Neury sorgt mit unbändigem Einsatz dafür, dass kaum mehr etwas aufs Schweizer Tor zukommt, auch nicht, als Baltazar einen Foulpenalty schinden will. 50 brasilianische Angriffe muss die Schweiz im Verlauf dieser Partie insgesamt abwehren.

Dann schlägt die Stunde des wirbligen Genfer Angreifers Jacky Fatton. Nach einer wunderbaren Kombination über Alfred Bickel und Hans-Peter Friedländer gelingt ihm in der 88. Minute der Ausgleich zum 2:2. Die Sensation ist perfekt und sie könnte sogar noch grösser ausfallen: Friedländer steht am Ende einer schnellen Kombination, trifft aber mit seinem Abschluss 30 Zentimeter neben das Tor. Fünf Minuten werden wegen des Pflegeunterbruchs für Goalie Stuber nachgespielt, doch es passiert nichts mehr. Das Remis ist für die Schweiz ein gefühlter Sieg. „Ein schwarzer Tag für Brasiliens Fussball und ein Ruhmesblatt für die Schweiz“, konstatiert der „Sport“.

Obwohl die Schweiz vier Tage später im letzten Gruppenspiel Mexiko mit 2:1 schlägt, ist für sie das Turnier vorzeitig zu Ende. Brasilien setzt sich als Gruppensieger durch, schlägt in der Finalrunde Schweden mit 7:1 und 6:1, verliert dann aber das entscheidende Spiel um den Titel am 16. Juli 1950 in Rio de Janeiro gegen Uruguay ebenso sensationell mit 1:2. Das 2:2 gegen die Schweiz scheint dagegen nur wie ein kleiner Ausrutscher, für die Schweiz und ihren Doppeltorschützen Jacky Fatton jedoch ist dieses Resultat ein fussballhistorisches Ereignis.

Alle Fakten zur Schweizer WM-Expedition 1950 in Brasilien:

WM 1950, Ausscheidungsspiele

1. Runde
26. Juni 1949 in Zürich: Schweiz – Luxemburg 5:2 (3:1)
18. September 1949 in Luxemburg: Luxemburg – Schweiz 2:3 (2:1)

2. Runde
Gegner Belgien verzichtet, die Schweiz damit für die WM qualifiziert

Das Schweizer Aufgebot für die Endrunde

Tor: Eugenio Corrodi (FC Lugano), Adolph Hug (Urania Geneva), Georges Stuber (Lausanne-Sports). – Verteidigung und Mittelfeld: Rudolf Gyger (Cantonal Neuchâtel), Kurt Rey (Young Fellows Zurich), Willy Kernen (FC La Chaux-de-Fonds), Roger Bocquet (Lausanne-Sports), Olivier Eggimann (Servette Geneva), Gerhard Lusenti (AC Bellinzona), André Neury (FC Locarno), Roger Quinche (FC Bern). – Angriff: Charles Antenen (FC La Chaux-de-Fonds), René Bader (FC Basel), Walter Beerli (BSC Young Boys Bern), Alfred Bickel (Grasshoppers Zürich), Jacques „Jacky“ Fatton (Servette Geneva), Hanspeter Friedländer (Lausanne-Sports), Hans Siegenthaler (Young Fellows Zürich), Jean Tamini (Servette Geneva). – Trainer: Franco Andreoli. – Delegationschef: Ernst B. Thommen.

Die Spiele an der Endrunde
Vorrunde, Gruppe 1

Schweiz – Jugoslawien 0:3 (0:0)
25. Juni 1950, 18.00 Uhr. – Estadio Sete de setembro, Belo Horizonte. – 7336 Zuschauer. – SR: Giovanni Galeati (Italien). – Tore: 58. Djajic 0:1. 68. Tomasevic 0:2. 82. Ognjanov 0:3.
Schweiz: Stuber; Neury, Bocquet; Lusenti, Eggimann, Quinche; Bickel, Antenen, Tamini, Bader, Fatton.
Jugoslawien: Mrkusic; Horvat, Stankovic; Zlatko Cajkowski, Jovanovic, Djajic; Ognjanov, Mitic, Tomasevic, Bobek, Vukas.
Bemerkungen: Schweiz ohne Hug, Corrodi, Friedländer, Gyger, Kernen, Rey, Soldini, Beerli, Siegenthaler und Beerli (alle nicht eingesetzt).

Brasilien – Schweiz 2:2 (2:1)
28. Juni 1950, 15.00 Uhr. – Estadio Pacaembu, Sao Paulo. – 42 032 Zuschauer. – SR: Ramon Azon Roma (Spanien). – Tore: 2. Alfredo 1:0. 16. Fatton 1:1. 44. Baltazar 2:1. 88. Fatton 2:2.
Brasilien: Barbosa; Augusto, Juvenal, Bauer; Ruy, Noronha, Maneca, Ademir, Baltazar, Alfredo, Friaca.
Schweiz: Stuber, Neury, Bocquet; Lusenti, Eggimann, Quinche; Bickel, Friedländer, Tamini, Bader, Fatton.

Schweiz – Mexiko 2:1 (2:0)
2. Juli 1950, 15.40 Uhr. – Estadio Beira-Rio, Porto Alegre/Bra. – 3580 Zuschauer. – SR: Ivan Eklind (Schweden). – Tore: 12. Bader 2:0. 45. Tamini 2:0. 88. Casarin 2:1.
Schweiz: Hug; Neury, Bocquet; Lusenti, Eggimann, Quinche; Antenen, Friedländer, Tamini, Bader, Fatton.
Mexiko: Carbajal; Gutierrez, Gomez; Guevara, Ochoa, Flores; Roca, Ortiz, Casarin, Borbolla, Velasquez.

Klassement, Gruppe 1:
1. Brasilien 3 2 1 0 8:2 5
2. Jugoslawien 3 2 0 1 7:3 4
3. Schweiz 3 1 1 1 4.6 3
4. Mexiko 3 0 0 3 2:10 0

Die Schweiz damit ausgeschieden

 

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