Der bittere Abschied vom Punkt


Für das Schweizer Fussball-Nationalteam ist die EURO 2016 nach einem bitteren Penaltyschiessen gegen Polen, bei dem einzig Granit Xhaka vom Punkt scheiterte, nach den Achtelfinals zu Ende. Xherdan Shaqiri glich nach 82 Minuten die polnische Führung durch Jakub Blaszczykowski mit einem spektakulären Seitfallrückzieher aus. 

Ausgerechnet Granit Xhaka. Er läuft als zweiter Schütze an im Penaltyschiessen des EURO-Achtelfinals zwischen der Schweiz und Polen im Stade Geoffroy Guichard in Saint-Etienne. Die Schweizer hätten das Spiel in der zweiten Halbzeit und – vor allem – in der Verlängerung schon für sich entscheiden können, sie hätten sich diese Ausmarchung vom Elfmeterpunkt sparen können. Doch nun steht Xhaka, der beste und konstanteste Spieler der Schweizer an diesem Turnier, vor seinem Anlauf, der Ball rutscht ihm ganz leicht über den Rist des linken Fusses, der Ball fliegt links am Tor vorbei. Es sollte der einzige Fehlschuss bleiben an diesem Abend vom Punkt. Alle fünf Polen treffen, Yann Sommer hatte dreimal die richtige Ecke geahnt, doch die Schüsse waren zu präzis, zu überzeugend abgegeben. Er konnte nichts ausrichten. Auf Schweizer Seite trafen Captain Stephan Lichtsteiner zum Auftakt, Xherdan Shaqiri als dritter, Fabian Schär als vierter und Ricardo Rodriguez als fünfter Schütze, sie alle verwandelten ihre Versuche mit grosser Sicherheit, es war kein Vergleich mehr mit der WM 2006, als die Schweizer schon einmal zu einem Penaltyschiessen in einem grossen Turnier hatten antreten müsse, ohne einen verwandelten Elfmeter für eine Premiere sorgten und den Spott der ganzen Fussballwelt nicht vermeiden konnten.

Das Drama war diesmal fast noch etwas grösser, denn die Schweizer waren in der zweiten Halbzeit und in der halben Stunde Extrazeit das klar bessere Team, Haris Seferovic hatte nur die Querlatte getroffen, Polens Torhüter Lukasz Fabianski musste einen herrlichen Freistoss von Ricardo Rodriguez aus dem Torwinkel kratzen, Eren Derdiyok stand nach einer Flanke von Xherdan Shaqiri in der 113. Minute plötzlich völlig alleine vor dem Tor und köpfelte an sich richtig gegen die Laufrichtung des Keepers. Doch der hielt stark und blieb auch ruhig, als Derdiyok, von Haris Seferovic im Fünfmeterraum bedient, zunächst eindrücklich von Michal Pazdan abgepasst wurde, und den Nachschuss nicht mehr ansetzen konnte, weil er das Gleichgewicht nach links verlor, der Ball aber rechts zur Verwertung gelegen hatte…

Ja, die Schweizer spielten die Polen in diesen letzten Minuten schwindlig, sie waren entschlossener, spielstärker und auch läuferisch überzeugend. Die Flankenläufer der Polen, die den Schweizern in der ersten Halbzeit noch so viel Mühe bereitet hatte, vor allem Kamil Grosicki im linken Couloir, sie waren längst müde geworden, Milik musste kurz vor der ersten Verlängerungshälfte ausgewechselt werden, Jakub Blaszczykowski schleppte sich dem Ende entgegen. Die beiden Aussenläufer hatten in der 39. Minute für die polnische Führung gesorgt, es war ein Konter, der sich nach einem Schweizer Offensivstandard entwickelt hatte, nicht zum ersten Mal in diesem Turnier, und auch nicht zum ersten Mal in diesem Spiel. Die Schweizer hätten gewarnt sein müssen, ein Freistoss in der 33. Minute fand das gewünschte Ziel nicht, gefühlte fünf Sekunden später, stand Milik alleine vor dem Schweizer Tor. Es war eine Riesenchance und ein Warnschuss, dass die Umschaltbewegung der Polen bei Balleroberung zum Besten gehört, was diese Mannschaft zu bieten hat.

 

Doch genauso fiel dann der Gegentreffer. Es war ein Eckball der Schweizer, Johan Djourou war noch zweimal mit dem Kopf an den Ball gekommen auf der anderen Seite des Spielfelds, Fabian Schär war natürlich auch aufgerückt, und beim Bearbeiten des Gegenangriffs fehlte in jeder Phase ein Mann, damit die Zuteilung am Ende aufgehen konnte. Milik lief die linke Flanke hinunter, er passierte am Strafraumeck auch noch Valon Behrami und Granit Xhaka, er spielte quer durch den Sechzehner, Rodriguez war hineingerückt, Milik liess passieren und hinten stand Blaszczykowski ganz alleine. Er konnte den Ball annehmen und Yann Sommer mit einem Flachschuss durch die Beine bezwingen. Die Polen führten 1:0 und zu diesem Zeitpunkt war das eigentlich auch verdient.

Denn die Schweizer hatten schon unsauber und übernervös begonnen. Djourou versetzte seinem Team schon nach 24 Sekunden einen Schreckensmoment, als er einen Rückpass auf Yann Sommer derart unexakt abgab, dass Robert Lewandowski dazwischen gehen konnte. Der Abpraller aus dem Duell mit Sommer landete beim freistehenden Milik an der Strafraumlinie, das Tor wäre leer gewesen, doch der polnische Offenisvmann, der im Turnier schon des öftern beste Chancen ausgelassen hatte, schoss übers Tor.

Die Schweizer brauchten einige Zeit, um die Unsicherheiten abzulegen, um ins Spiel zu finden – und wenn man ehrlich ist, war die erste Halbzeit die schlechteste Vorstellung bei dieser EURO. Es fehlte an Präzision, an Spannung und am richtigen Zugang zu dieser Partie. Blerim Dzemaili war noch jener, der ab und an mit Abschlüssen etwas Gefahr vors gegnerische Tor brachte, doch insgesamt war es für ein Achtelfinale einfach zu wenig.

 

Das änderte sich mit der zweiten Halbzeit, vor allem Shaqiri wollte nun das Heft verstärkt in die Hand nehmen. Spätestens mit der Einwechslung von Eren Derdiyok und der Umstellung auf einen Zweimannsturm verlagerten sich alle Vorteile auf die Schweizer Seite. Die Polen schienen stehend K.o. und langsam näherten sich die Rot-Weissen dem Ausgleich. Rodriguez‘ Freistoss wurde pariert, bei Seferovics Versuch rettete die Querlatte, dann hatte Shaqiri seinen genialen Moment. 1:1 – das war erstmal das, was die Schweizer erreichen mussten. Es ging in die Verlängerung, die Polen, die schon nach einer Stunde nach jedem Foul liegen blieben und so etwas Zeit verstreichen liessen, hatten ganz offensichtlich nur noch das eine Ziel: das Penaltyschiessen. Wahrscheinlich wussten sie, weshalb…

 

 

 

Schweiz – Polen 1:1 (0:1, 1:1) n.V., 5:6 n. Pen.

Samstag, 25. Juni 2016, 15.00 Uhr. – Stade Geoffroy Guichard, Saint-Etienne. – 38 842 Zuschauer. – SR Clattenburg (Eng). – Tore: 39. Blaszczykowski (Milik) 0:1. 82. Shaqiri (Derdiyok) 1:1. -Penaltyschiessen: Lichtsteiner 2:1, Lewandowski 2:2; Xhaka (schiesst neben das Tor) 2:2, Milik 2:3; Shaqiri 3:3, Glik 3:4; Schär 4:4; Blaszczykowski 4:5; Rodriguez 5:5, Krychowiak 5:6.

Schweiz: Sommer; Lichtsteiner, Schär, Djourou, Rodriguez; Behrami (77. Fernandes), Xhaka; Shaqiri, Dzemaili (58. Embolo), Mehmedi (70. Derdiyok); Seferovic. – Nationaltrainer: Vladimir Petkovic.

Polen: Fabianski; Piszczek, Glik, Pazdan, Jedrzejczyk; Blaszczykowski, Krychowiak, Maczynski (101. Jodlowiec), Grosicki (104. Peszko); Milik; Lewandowski.

Bemerkungen: Schweiz komplett. Nicht eingesetzte Schweizer Ersatzspieler: Bürki, Hitz; Moubandje, Elvedi, von Bergen, Lang, Frei, Zakaria, Tarashaj; Polen ohne Kapustka (gesperrt) und Szczesny (rekonvaleszent auf der Bank).– 70. Die Schweiz nach der Einwechslung Derdiyoks im 4-4-2-System. 77. Behrami mit einer Oberschenkelzerrung verletzt ausgeschieden. – 79. Schuss Seferovics an die Querlatte. – Verwarnungen: 55. Schär (Foul; wäre in einem allfälligen Viertelfinal gesperrt gewesen), 58. Jedrzyjczyk (Foul), 111. Pazdan (Foul), 117. Djourou (Foul). – Wetter: Bewölkt, teilweise sonnig, 23 Grad, 64 Prozent Luftfeuchtigkeit. – Man of the match: Xherdan Shaqiri. – Statistik: Ballbesitz: 55:45%. – Schüsse aufs Tor: 7:5. – Angekommene Pässe: 527:406. – Eckbälle: 13:5. – Offsides: 2:2. – Fouls: 16:14. – Gesamtlaufleistung: 140,1:137,4 km.

 

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