Das Olympiaköfferchen


Als die Schweizer Fussballer 1924 zu ihren ersten olympischen Spielen nach Frankreich aufbrachen, da hatte der Schweizerische Fussballverband für die 17 ausgewählten Spieler und den Trainerstaff ein Kollektivbillet gelöst, das zehn Tage Gültigkeit hatte. Mit grossen sportlichen Sprüngen rechnete damals keiner. Doch dann lief es rund in Paris, schon am Tag nach der Ankunft gabs einen 9:0-Sieg gegen Litauen, den bis heute höchsten Länderspielerfolg einer Schweizer Auswahl. Paul Sturzenegger erzielte vier Kopftore und auch Max „Xam“ Abegglen liess sich als dreifacher Schütze notieren. Damit war das Turnier lanciert, das die Schweizer bis in den Final gegen das damals überragende Uruguay führen sollte. Das Kollektivbillet war zu jener Zeit schon abgelaufen – und auch fürs Hotel war kein Geld mehr da. Die Zeitung „Sport“ rief in der Heimat zu einer Spendenaktion auf und dank der 6000 Franken, die zusammen kamen, mussten die Schweizer nicht auf der Parkbank übernachten. Einer blieb nicht bis zum Schluss, Max Weiler hatte Heimweh und fuhr vorzeitig nach Hause, genauso wie drei andere Ersatzspieler.

Heute, 88 Jahre später, hat sich die Schweizer Olympiadelegation mit ganz anderen Sorgen zu befassen, mit Vorschriften, Werberechten, FIFA-Terminen – und nicht zuletzt natürlich auch mit den sportlichen Rahmenbedingungen. Die scheinen nach vielerlei Hin und Her im Selektionsprozess gesetzt, das Team trainiert und findet sich seit einigen Tagen in Saillon und Magglingen und bestreitet heute Dienstag (18.15 Uhr, Stadion Solothurn) sein einziges Testspiel gegen die Auswahl von Senegal. Es ist die Generalprobe für das Startspiel am 26. Juli in Newcastle gegen Gabun. Gestern spürten die Schweizer Fussball den olympischen Geist das erste Mal so richtig – sie kleideten sich ein, mit den Klamotten von Swiss Olympic und fassten das offizielle Reiseköfferchen. Köfferchen waren bei früheren Fussballgenerationen das absolute In-Reiseutensil, denn zu den Spielen reiste man gewissenhaft mit der Bahn. Heute tragen die Kicker ihr Necessaire unter dem Arm und ziehen ihre stylischen Sporttaschen mit Rollen hinter sich her. Das Köfferchen ist nun also gepackt. Nun wollen wir sehen, ob auf dem Heimweg etwas darin ist, das die Helden 1924 aus Paris mitbrachten. Eine Silbermedaille und den damals inoffiziellen Titel als Europameister.

 

Kommentare sind geschlossen.