Behrami: „Das letzte Wort gehört mir“


Nasskalt ist es an diesem Dienstagmittag auch in Basel – der Herbst hat definitiv Einzug gehalten – und die Schweizer Nationalspieler haben vor ihrem Ablauf zum WM-Playoff-Hinspiel in Belfast gegen Nordirland am Donnerstag noch eine kurze Einheit im Campus des FC Basel 1893 absolviert. Auch Valon Behrami machte mit, noch nicht mit voller Kraft natürlich, aber immerhin ohne jegliche Komplikationen und Schmerzen. „Morgen werden wir nochmal etwas mehr machen und dann schauen.“ Tendenz: für den Donnerstag wird es eher knapp, die „Zerrung irgendwo auf der Stufe zwischen 1. und 2. Grad“ soll nicht wieder aufbrechen, das Risiko soll dosiert sein.

Nur bei 100 Prozent

„Das letzte Wort gehört mir“, sagt Behrami zwar, aber er erwähnt auch, dass „es viel Druck von allen Seiten“ gibt. Damit ist ausgesprochen, was die Sache kompliziert. Sein Club, Udinese Calcio, möchte natürlich keinen verletzten Valon Behrami nach der Länderspielwoche zurückbekommen, man ist dort auf seine Dienste genauso angewiesen wie im Schweizer Nationalteam. Behrami bewegt sich deshalb auf dem Drahtseil und sagt: „Am Donnerstag stehen in Belfast nur Schweizer Fussballer auf dem Platz, die 100 Prozent einsatzfähig sind. Wenn ich nur bei 90 Prozent bin, dann gehöre nicht aufs Spielfeld. Wir haben genug Qualität im Team.“

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Update:

Am Mittwoch verlangte der Verein von Valon Behrami, Udinese Calcio, in einem offiziellen Communiqué die sofortige Rückkehr des Spielers nach Italien und schaltete die FIFA ein. Das Aufgebot für Behrami sei zu spät erfolgt, ausserdem hätte die medizinische Abteilung des SFV die vom Verein gestellte Diagnose, nach der Behrami 20-25 Tage pausieren müsse, nicht respektiert.

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Klar ist, Behrami ist ein Leader. Ein Aggressivleader, wie man das heute so schön nennt. Er kann mit seiner Erfahrung den Takt vorgeben, auch mal auf dem Platz bestimmen, wann etwas an der Spielweise geändert werden soll, wenn es gerade nicht so läuft. Sein Wort hat Gewicht im Team, beim Trainer. Er wäre ein Verlust. Aber erzwungen wird nichts, auch wenn Behrami scherzt: „Eigentlich brauche ich mein linkes Bein ja gar nicht.“ Die Zerrung befindet sich oberhalb des linken Knies, aussen, am hinteren Oberschenkel. Aber der Tessiner räumt ein. „Am Sonntag bin ich weiter, und das Risiko ist kleiner.“ Und am Sonntag fällt schliesslich auch die Entscheidung, so ist aus Schweizer Sicht zumindest zu hoffen. In Belfast jedenfalls soll ein Resultat erreicht werden, das für den Sonntag zumindest alle Optionen offenhält.

Erinnerungen an Istanbul

Valon Behrami ist der einzige Schweizer Nationalspieler im aktuellen Kader, der schon 2005 dabei war, als die Schweiz noch unter Köbi Kuhn zur WM-Barrage gegen die Türkei anzutreten hatte. Er hatte beim 1:1 einen Monat zuvor gegen Frankreich in Bern sein Debüt gegeben, 20-jährig, als Spieler von Lazio Rom. Im Hinspiel wiederum in Bern gelang ihm der Treffer zum 2:0, drei Minuten nach seiner Einwechslung. Der Treffer war Gold wert, wie sich vier Tage später in Istanbul herausstellen sollten. Die Schweizer gingen dort durchs Stahlbad, Behrami kam zur Pause für Philipp Degen, „ich hatte 50 Mal den Ball und machte 51 Fehlpässe“, erinnert er sich, am Ende zitterten die Schweizer eine 4:2-Niederlage über die Runden, die reichte, dank der auswärts erzielten Tore von Alex Frei (Handspenalty) und Marco Streller (zum 3:2). Nach dem Spiel die grossen Tumulte, die Scheizer wurden vom Platz getreten und gejagt, „ich rannte einfach allen anderen hinterher, wusste nicht genau, was geschah“, so Behrami. Dann waren alle in der Kabine, „und das war ein gutes Gefühl“.

Eine sechste Endrunde

Behrami fuhr mit der Schweiz zur WM 2006 in Deutschland, er hatte nur einen Kürzesteinsatz gegen Südkorea, aber das war egal, das Erlebnis zählte. Valon Behrami ist heute mit fünf Endrunden Schweizer Rekordteilnehmer an internationalen Grossanlässen, gemeinsam mit Tranquillo Barnetta. Er war an der WM 2006, 2010 und 2014. Er war an der EURO 2008 und 2016. Nun soll ein sechstes Turnier folgen, die WM 2018 in Russland. Es wäre ein Abschluss, wie er ihn sich nicht besser vorstellen könnte. Die Nationalmannschaft, sie hat für Valon Behrami in den letzten Jahren enorm an Stellenwert gewonnen, vor allem persönlich. „Auch wenn es mir mal schlecht lief im Club, immer wenn ich zum Nationalteam kam, wurde mein Kopf frei. Die Stimmung in diesem Team ist exzellent – und die Tage in diesem Kreis, helfen mir, die folgenden Wochen und Monate noch besser zu sein.“

Das erhofft er sich natürlich auch diesmal. „Ich bin 32-jährig, kenne meinen Körper und übernehme die Verantwortung“, sagt er in diesen Tagen angesichts der delikaten Ausgangslage rund um seine kleine Verletzung. Man spürt, dass er dem Nationalteam unbedingt helfen will. „Ich hätte unter diesen Voraussetzungen niemals zu Hause bleiben können“, räumt er ein. Das Nationalteam braucht ihn. Und er braucht das Nationalteam.

 

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