Die Momente zur WM


Es gibt diese Momente im Fussball, die sich für alle Zeit im Gedächtnis festsetzen. Und dieser Moment könnte so einer gewesen sein. Die 91. Minute, eine Flanke von Chris Brunt, Yann Sommer kommt nicht an den Ball, Jonny Evans setzt sich im Kopfballduell gegen Stephan Lichtsteiner durch, der Ball fliegt Richtung Schweizer Tor. Dort steht er, Ricardo Rodriguez, in seinem 50. Länderspiel, und wischt den Ball in Rücklage von der Linie. Es bleibt beim 0:0.

 

Nach 94 Minuten der Schlusspfiff, die Erlösung, die Qualifikation für die Weltmeisterschaft 2018 in Russland. Ein grosses Stück Schweizer Fussballgeschichte. Zum vierten Mal in Folge an einer WM-Endrunde, zum elften Mal insgesamt. Das ist für eine Nation, die 28 Jahre lang den grossen Turnieren ferngeblieben war zwischen 1966 und 1994, eine unglaubliche Geschichte.

 

Wieder also reicht den Schweizern in Basel ein 0:0 zu einer WM-Endrunde. Erinnerungen an den 14. Oktober 2009 werden wach. Die Schweizer brauchen unter Ottmar Hitzfeld noch einen Punkt gegen Israel für die Qualifikation zur Endrunde 2010 in Südafrika. Es wird ein 0:0, es gibt wenige Emotionen, kaum Euphorie, die Qualifikation wird mit einem warmen Applaus zur Kenntnis genommen. Mehr nicht.

 

Doch diesmal war alles ganz anders. Der Platz. Vom Regen durchtränkt, nach wenigen Minuten vielerorts braun gefärbt. Kampfterrain. Die Schweizer. Mit vielen Chancen. Von Haris Seferovic über Steven Zuber bis zu Blerim Dzemaili. Ein frühes Tor wollte das Team nach dem 1:0 in Belfast. Es hätte die Sicherheit verleiht, die später nach und nach verloren ging. Die Nordiren. Sie spielten offensiver als noch in Belfast, sie zeigten, dass sie auch Pässe spielen können, die ankommen. Und irgendwann glaubten sie an ihre Chance, sie erhöhten den Druck, sie stellten grosse Männer an den Schweizer Strafraum, der nun von neun, von zehn, manchmal von elf Schweizer Fussballern verteidigt wurde. Plötzlich wurde das Spiel für die Schweizer zu einer Zitterpartie. Die Kräfte schwanden, das Hin und Her in diesem nun völlig offenen Spiel, das tiefe Terrain, es kostete Kraft – und Nerven.

 

Und als dann Haris Seferovic die nächste Chance nicht nutzen konnte, aus guter Position weit übers Tor schoss und kurz darauf ausgewechselt wurden, da verlor ein Teil des Publikums auch den Anstand. Es pfiff den Stürmer, den erfolgreichsten Schweizer Torschützen dieser Qualifikation aus. Der Mann war der Verzweiflung nahe, er hatte noch Tränen in den Augen, als die anderen schon feierten. Es ist eine Unart, die der Schweiz nicht gut ansteht. Schon Alex Frei, der erfolgreichste Schweizer Torschütze, war einst vom Publikum aus dem Stadion gepfiffen worden. Er beendete darauf seine Karriere.

 

Das war der Fleck auf der Weste der Schweizer, die eine so eindrückliche Qualifikation gespielt hatten, die nun in den hartumkämpften Playoffs auch auf der mentalen, der physischen und der kämpferischen Seite ein Signal gesetzt haben. Sie hat auch diese Qualitäten abgerufen und ist vor der WM in Russland noch einmal ein Stück reifer geworden. Vielleicht reif genug, um im kommenden Sommer den nächsten Schritt gehen zu können, den sie sich schon so lange herbeisehnt.
FIFA World Cup, Qualifikation, Playoffs, Rückspiel
Schweiz – Nordirland 0:0

12. November 2017, 18.00 Uhr. – St. Jakob-Park, Basel. – 36 000 Zuschauer (ausverkauft). – SR Brych (De).
Schweiz: Sommer; Lichtsteiner, Schär, Akanji, Rodriguez; Zakaria, Xhaka; Shaqiri (80. Freuler), Dzemaili (61. Mehmedi), Zuber; Seferovic (87. Embolo). – Nationaltrainer: Vladimir Petkovic.
Nordirland: McGovern; Hughes, McAuley, Jonny Evans, Brunt; Norwood (74. Magennis); Ward (74. Jones), Davis, Saville, Dallas; Washington (82. McNair).
Bemerkungen: Schweiz ohne Djourou, Moubandje (alle verletzt) und Frei (Todesfall in der Familie). Nicht eingesetzte Schweizer Ersatzspieler: Bürki, Hitz; Lacroix, Elvedi, Lang, Behrami, Gelson und Edimilson Fernandes, Gavranovic; Nordirland ohne Corry Evans (gesperrt). – 50. Länderspiel von Ricardo Rodriguez. – 92. Rodriguez klärt nach Kopfball von Jonny Evans auf der Torlinie. – Verwarnungen: 7. Brunt (Foul). 72. Seferovic (Unsportlichkeit). 79. Jonny Evans (Hands).

 

Am 1. Dezember 2017 (16.00 Uhr MEZ) findet im Moskauer Kreml die Gruppenauslosung zur WM 2018 statt. Die Schweiz ist in Topf 2 eingeteilt und kann somit unter anderem nicht auf Spanien oder England treffen.

Provisorische Topfeinteilung (in Klammern Position in der massgebenden FIFA-Weltrangliste vom 16. Oktober 2017)

Topf 1: Russland (65; als Veranstalter in Topf 1 gesetzt), Deutschland (1), Brasilien (2), Portugal (3), Argentinien (4), Belgien (5), Polen (6), Frankreich (7).
Topf 2: Spanien (8), Peru* (10), Schweiz (11), England (12), Kolumbien (13), Mexiko (16), Uruguay (17), Kroatien (18).
Topf 3: Dänemark* (19), Island (21), Costa Rica (22), Schweden (25), Tunesien (28), Ägypten (30), Senegal (32), Iran (34).
Topf 4: Serbien (38), Nigeria (41), Australien* (43), Japan (44), Marokko (48), Panama (49), Südkorea (62), Saudi-Arabien (63).

* = Diese Teams müssen sich noch über Playoffs definitiv qualifizieren. Setzen sich die Favoriten nicht durch, kann es zu folgenden Verschiebungen in den Töpfen 2-4 kommen:

Irland (26) würde wie aktuell Playoff-Gegner Dänemark in Topf 2 eingeteilt
Neuseeland (122) würde in Topf 4 eingeteilt, Playoff-Gegner Peru fiele aus Topf 2 und die übrigen Teams rücken entsprechend nach
Honduras (69) würde Australien in Topf 4 ersetzen

 

 

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