Der stille Lenker ist tot


Am 4. Juli 2017 ist der ehemalige Schweizer Nationalspieler Heinz Schneiter im Alter von 82 Jahren verstorben. Zu seinen Ehren publizieren wir hier das Porträt aus der Publikation „Das goldene Buch des Schweizer Fussballs“ aus dem Jahr 2014.

„Sicher am Ball, gewandt im Tackling, mit beiden Füssen gut im Zuspiel, stark im Kopfballspiel und athletisch. Er strahlt mit seinem (scheinbaren) Phlegma Ruhe, Zuversicht und Autorität aus; er versteht es, eine Verteidigung geschickt zu organisieren und erweist sich immer wieder, sogar mitten im Kampf, als gewiegter Taktiker. Schneiter ist das Muster des idealen Spielführers.“ So beschreibt Walter Lutz Nationalspieler Heinz Schneiter nach dessen 40. Länderspiel am 14. November 1965 gegen Holland. Der 2:1-Sieg der Schweizer ist der entscheidende auf dem Weg zur WM 1966. Wenig deutet zu diesem Zeitpunkt darauf hin, dass der Captain der Schweizer Nationalmannschaft von diesem Zeitpunkt an nur noch vier weitere Länderspiele bestreitet. Nach der enttäuschenden WM 1966 in England gibt er seinen Rücktritt bekannt – allerdings aus rein beruflichen Gründen. Dem in Thun aufgewachsenen Bankkaufmann wurde die Leitung der neu eröffneten Filiale Bethlehem der Spar- und Leihkasse Bern übertragen, Schneiter setzte die entsprechenden Prioritäten.

Mit Thun im Cupfinal

Heinz Schneiter begann in seiner Heimatstadt Thun schon früh mit dem Fussball. Mit 15 Jahren debütierte er in der ersten Mannschaft, die damals in der 1. Liga, der dritthöchsten Spielklasse, aktiv war. Die Thuner setzten mit Schneiter zu einem schnellen Aufstieg an und erreichten 1955 als Neuling in der Nationalliga A zum einzigen Mal in ihrer Vereinsgeschichte den Schweizer Cupfinal, der gegen den FC La Chaux-de-Fonds mit 1:3 verloren ging. Nach diesem Final wechselte Schneiter zum BSC Young Boys – auch dort sollte er einen beispielhaften Aufstieg erleben. In der ersten Saison noch auf Rang 3 klassiert, wurden die Berner unter ihrem deutschen Trainer Albert Sing zwischen 1957 und 1960 viermal in Serie Schweizer Meister. Am 15. April 1959 war Schneiter ein wichtiger Faktor beim legendären 1:0-Sieg im Halbfinal-Hinspiel des Europacups der Meister vor 64 000 Zuschauern im Wankdorf gegen Stade Reims.

„Wir waren der erste Club in der Schweiz, der viermal in der Woche trainierte“, erinnert sich Schneiter. Entsprechend waren die Berner in der Lage, in den Schlussphasen der Spiele entsprechend zuzulegen. „Wir waren ein gewachsenes Team mit guter Athletik, aber auch stark im Direktspiel, das wir im Training bis zum Umfallen zu üben hatten.“ Sing war dabei der autoritäre Antreiber, duldete keinen Widerspruch, doch der Erfolg gab ihm Recht.

 

Aus London eingeflogen

Speziell war die Saison 1957/58. Nach dem Gewinn des Doubles wollte sich Schneiter an der „Masterman Smith“-Schule in London weiterbilden, zog für ein Jahr nach London und schloss sich zunächst dem FC Chelsea an, mit dem er trainierte und auch einige Testspiele bestritt. Doch als es darum ging, ihn für die Meisterschaft zu lizenzieren, verweigerte die FA die Spielberechtigung mit der Begründung, ausländische Spieler seien nicht zugelassen. 1946/47 hatte der Schweizer Nationalspieler Willy Steffen noch eine Saison für Chelsea spielen können. Schneiter wurde danach vom BSC Young Boys für jedes seiner Spiele aus London eingeflogen – eine intensive Zeit, die Schneiter einen weiteren Meistertitel brachte.

 

1962 wechselte der Defensivspezialist für die damalige Rekordsumme von 100 000 Franken zu Lausanne-Sports. Mit den „Königen der Nacht“ wurde er 1965 ein weiteres Mal Schweizer Meister und holte auch noch einen Cupsieg. Noch einmal kehrte er zu YB zurück und übernahm 1968/69 seinen Stammclub FC Thun als Spielertrainer in der Nationalliga B. Im Kader stand unter anderem ein junger Torhüter namens Hanspeter Latour. Auch Walter Ballmer gehörte zum FC Thun, doch am Ende der Saison, in dem es auch ein Duell mit dem FC Basel im Schweizer Cup gegeben hatte, wechselte Ballmer für 65 000 Franken nach Basel – Schneiter war mit diesem Wechsel ganz und gar nicht einverstanden. Er schloss sich in der Folge den Senioren der Berner Young Boys an, die er zwischen 1970 und 1972 gemeinsam mit Walter Eich, dem Torhüter der grossen YB-Zeit, als Trainer übernahm.  Später war er auch für kurze Zeit Trainer einer Schweizer Nachwuchsnationalmannschaft.  Für ein Testspiel in Besançon bot er 15 Spieler auf, erhielt jedoch etliche Absagen von Spieleren, die am Wochenende plötzlich wieder topfit waren und für ihre Clubs aufliefen. Schneiter stellte beim SFV den Antrag diese Spieler zu bestrafen, doch es regte sich nichts. Und so stellte Schneiter, konsequent wie er eben ist, sein Amt zur Verfügung.

 

Gegen Alfredo di Stefano

Nicht nur im Club, auch in der Nationalmannschaft erlebte Heinz Schneiter viele Sternstunden des Schweizer Fussballs. Sein erstes Länderspiel war schon ein Erlebnis. Im prall gefüllten Bernabeu von Madrid gabs in der WM-Qualifikation zur WM 1958 in Schweden am 10. März 1957 ein viel beachtetes 2:2. „Wir sind wohl nicht mehr als die zweimal über die Mittellinie gekommen, als Seppe Hügi unsere beiden Tore gelangen“, erinnert sich Schneiter. Es war sein erstes Aufeinandertreffen mit dem grossen Fussballer Alfredo di Stefano, der kurz zuvor als Argentinier in Spanien eingebürgert worden war und nun für die „Furia roja“ auflief. „Von allen grossen Cracks, denen ich begegnet bin, war Di Stefano der vielseitigste und absolut kompletteste Spieler. Er konnte auf der eigenen Linie abwehren und vorne die Tore schiessen“, zeigt sich Schneiter beeindruckt.

An die WM 1958 schaffte es die Schweiz in der Folge nicht, aber Schneiter erlebte noch zwei Endrunden in seiner Karriere. 1961 qualifizierten sich die Rot-Weissen gegen Schweden für die WM in Chile. Schneiter hat an alle drei Begegnungen spezielle Erinnerungen. Beim 0:4 in Stockholm wurde er zum einzigen Mal in seiner Laufbahn vom Platz gestellt – und das erst noch zu Unrecht, wie sich später herausstellen sollte. Bei einem Eckball stieg Schneiter, der mit seiner Körpergrösse von 1,87 Metern bei allen Standards in den Abschluss ging, hoch, der schwedische Goalie Nyholm sprang ihm von unten her mit dem Gesicht in den Ellbogen. Das Spiel lief rund zwei Minuten weiter, ehe erkannt wird, dass Nyholm blutüberströmt vor seinem Tor liegt. Dann erst wird Schneiter vom portugiesischen Schiedsrichter Soares vom Platz gestellt – es war beim Stand von 0:1 ein Fehlentscheid mit Folgen. Helmut Käser, der damalige Generalsekretär des SFV, hat sich danach, auch mithilfe der eindeutigen TV-Bilder, für einen Freispruch Schneiters eingesetzt, der schliesslich auch erfolgte. Der portugiesische Schiedsrichter, so weiss Schneiter, sei danach jedoch für ein Jahr nicht mehr für Länderspiele aufgeboten worden.

 

Die grosse Reise nach Chile

Das Heimspiel gegen Schweden konnten die Schweizer in Bern nach dramatischem Verlauf mit 3:2 gewinnen – alle drei Schweizer Tore waren mit dem Kopf erzielt worden. Und das galt auch für die beiden Treffer beim fälligen Entscheidungsspiel in Berlin. Heinz Schneiter köpfelte das Tor zum Ausgleich, Charles „Kiki“ Antenen jenes zum 2:1-Erfolg, der die Schweizer definitiv nach Chile brachte. „Das war damals etwas ganz Grosses, eine Reise nach Südamerika.“

Auf dem Weg zur WM besuchte er, bei einem Zwischenhalt in Rio de Janeiro, auch die Verwandtschaft seiner Frau in Brasilien. Die Bande sollten lange anhalten, es entstand der Traum, sich einmal in Brasilien niederzulassen. 1998, nach seiner vorzeitigen Pensionierung, baute seine Familie dort ein Haus und verbrachte zehn Jahre lang jeweils sechs Monate in Südamerika.

 

Schluss nach der WM 1966

Zwischen 1960 und 1965 verpasste Schneiter nur zwei Länderspiele der Schweiz. Seit der WM-Qualifikation 1966 war er der Schweizer Captain. Das war er auch beim ersten WM-Spiel in Sheffield gegen Deutschland, das nach vielen Querelen in der Nacht zuvor mit 0:5 verloren ging. Es sollte Schneiters letztes Länderspiel sein.

„Für mich war es immer eine grosse Ehre, die Schweiz zu vertreten. Wir haben uns immer in Achtungsstellung zum Spiel aufgestellt, das war damals so üblich. Und ich war immer ein reiner Amateur, habe zu 100 Prozent gearbeitet.“ Der Fussball habe ihm zahlreiche unvergessliche Begegnungen gebracht, mit Sir Stanley Rous, dem FIFA-Präsidenten, mit Willy Brandt, dem damaligen Bürgermeister von Westberlin und späteren deutschen Bundeskanzler und mit vielen anderen Persönlichkeiten.

Verwaltungsrat bei YB

Schneiter kehrte 2008 noch einmal intensiver in den Fussball zurück. Er übernahm ein Verwaltungsratsmandat beim BSC Young Boys und setzte sich auf Wunsch von Trainer Christian Gross auf die Spielerbank. „Ich war ja 40 Jahre lang auf einem Bänkli, da machte mir das nichts aus. Ich empfand es als spezielle Ehre, das tun zu dürfen.“ Schneiter war in seinen Anfängen auch ein begnadeter Leichtathlet, er spielte nach seiner Karriere bis ins hohe Alter Tennis. „Eines ist heute schon sicher: der sympatische Berner wird einen bleibenden Platz unter den „Grossen“ des Schweizer Fussballs einnehmen“, hatte Walter Lutz 1965 im „Sport“ prophezeit. Er sollte Recht behalten. Auch über den Tod Heinz Schneiters hinaus.

 

Heinz Schneiter
*12. April 1935
✝ 4. Juli 2017

Position:
Verteidiger links und zentral, Läufer links

Nationalteam:
44 Länderspiele, 3 Tore
Erstes Länderspiel: 10. März 1957 gegen Spanien in Madrid (2:2)
Letztes Länderspiel: 12. Juli 1966 gegen Deutschland in Sheffield (WM, 0:5)
WM-Teilnahmen: 1962, 1966

Vereinsstationen:
1950-1955 FC Thun
1955-1962 BSC Young Boys
1962-1966 Lausanne-Sports
1967-1968 BSC Young Boys
1968-1969 FC Thun (Spielertrainer)

Vereinserfolge:
Total 294 NLA-Spiele, 44 Tore
Schweizer Meister 1957, 1958, 1959, 1960 (mit YB), 1965 (mit Lausanne)
Schweizer Cupsieger 1958 (mit YB), 1964 (mit Lausanne)
Halbfinalist im Europacup der Meister 1959 (gegen Stade Reims/Fr)

 

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